1. Korinther 13,6
Andachten
Sie freut sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freut sich aber der Wahrheit.
So wenig die Liebe selber nach Schaden trachtet, eben so wenig kann sie an dem Schaden anderer Freude haben. Es ist der Welt Art, dass sie sich mit nichts lieber zu tun macht als mit der Ungerechtigkeit. Die Torheiten anderer werden belacht, ihre Verkehrtheiten bekrittelt und ihre Verirrungen und Fehltritte mit dem strengsten Maße gemessen. Die Liebe sieht das alles auch, aber sie hat keine Freude daran, sie schweigt, wo das Reden kein nütze ist, sie urteilt mit Billigkeit und Gerechtigkeit, wo sie reden muss, und es tut ihr wehe, wo sie der Ungerechtigkeit begegnet. Dagegen hat sie eine herzliche Freude, wo sie sieht, dass eine Seele anfängt in der Wahrheit zu wandeln, oder wo sie einer Seele behilflich werden kann, den zu finden, der selbst der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, und rühmt mit Lust, was sie an andern Gutes findet. Das tut die Liebe; aber wer ist so? Werse keiner Steine auf den andern, so lange er sich selbst nicht ohne Sünde weiß. Es wird keiner in diesen Spiegel der Liebe sehen können, ohne an seine eigene Brust zu schlagen, und es bringt mehr Frucht, den eigenen Mangel der Liebe zu empfinden, als über die Lieblosigkeit anderer zu klagen.
HErr, alle Welt preist die Schönheit der Liebe, und jeder will sie genießen; aber wie wenige üben sie! Hilf uns nicht auf andere sehen und über den Mangel der Liebe klagen, sondern lass uns in unser eigenes Herz greifen; da finden wir genug, dessen wir uns anzuklagen haben. Wir möchten so gern die Liebe haben, denn die ist es ja allein, womit wir Dir gefallen können; aber wir finden sie nicht, nicht so, wie Du sie haben willst, und wie sie allein die rechte ist. Denn ob wir auch danach streben, so tun wir es doch nicht ernstlich genug, und das alte selbstsüchtige Wesen bricht immer wieder hindurch. Das fühlen wir mit Schmerzen und bereuen es, so oft es geschehen ist, aber wir vermögen es nicht zu ändern, wenn Du nicht das Beste dabei tust. Darum bitten wir Dich von Herzen: stehe uns bei, ertöte in uns alle Selbstsucht und Eigenliebe und verändere und erneuere unsern Sinn, dass unser Herz der Liebe voll werde. Amen. (Hermann Haccius)