Johannes 10,22
Andachten
**Es war aber Kirchweihe zu Jerusalem und war Winter. Und Jesus wandelte im Tempel, in der Halle Salomos. Da umringten ihn die Juden und sprachen zu ihm: Wie lange hältst du unsre Seelen auf? Bist du Christus, so sage es uns frei heraus. **
Die Juden sagen: „Bist du Christus, so sage es uns frei heraus“, wie wenn es nur eines klaren, deutlichen Wortes bedürfte und dann stände ihr Glaube, ihre Überzeugung fest. So meinen manche auch heutzutage, christliche Überzeugung und Entschiedenheit sei das Werk eines Augenblicks, und wenn man so deutlich und so oft vom Heiland gehört habe, so müsse man doch zum klaren, festen Glauben an ihn gekommen sein. Wer sich selbst kennt, der meint solches nicht, der weiß, dass es durch lange, viele Arbeit der göttlichen Gnade, dass es durch mannigfaltige Übungen der eigenen Treue, dass es durch vieles Fallen und Aufstehen hindurch gehen muss, bis man's dahin gebracht hat, dass das Herz fest geworden ist. Und je mehr einer es gelernt hat, die Geduld seines Herrn „für seine Seligkeit zu achten“, desto mehr hütet er sich, mehr zu verlangen von einer Menschenseele als sie leisten kann.
Wir erfahren es täglich, o Herr, dass unser Herz von Natur ein trotziges und verzagtes Ding ist. Wie schwer wird es uns oft, dir kindlichen Gehorsam zu beweisen und unsern Willen deinem Willen völlig zu unterwerfen. habe Geduld mit unsrer Schwachheit, verschone uns mit Strafgerichten und ziehe uns durch Seile der Liebe, bis wir ganz dein eigen sind. (Heinrich Spengler)