Markus 15,20
Andachten
Und sie führten ihn aus, dass sie ihn kreuzigten. Und zwangen einen, der vorüberging, mit Namen Simon von Kyrene, der vom Felde kam (der ein Vater war Alexandrie und Rufi), dass er ihm das Kreuz trüge.
Nicht gesucht, nicht gewollt, nicht freiwillig übernommen ist dieser traurige Dienst, darum eitel und wertlos. Zwar der Herr bedarf dieses Dienstes und nimmt ihn an; aber gleichgültig war es, welchen Vorübergehenden die Kriegsknechte zwangen, dem erliegenden Jesus die Last abzunehmen; es war keine Tat des Simon, die ihm angerechnet werden könnte, er muss nur als Werkzeug fremden Willens sie verrichten, er, der eigentlich vorübergehen wollte und andere Zwecke verfolgte. So müssen wir den Dienst dieses Mannes betrachten und können uns nur wundern, wenn bisweilen der fromme Eifer so weit geht, dass ein besonderes Verdienst aus diesem Dienste gemacht wird.
Ja, kein Verdienst, denn Simon ist das Bild von Tausenden, die dem Gekreuzigten im Grunde auch nur gezwungen dienen. Oder ist die Zahl derer so klein, welche zwar dem Christentum manchen Dienst leisten, aber so unfreiwillig wie Simon, entweder durch Andere gezwungen oder durch die Macht der Umstände genötigt? Ach, wie viele wollen eigentlich nur vorübergehen zu ganz anderen Dingen, sehen sich aber doch bisweilen genötigt, der Sache Christi Dienste zu leisten; müssen bisweilen mit Anteil nehmen an christlichen Werken, sich mit hineinflechten lassen in die Anstrengungen der christlichen Kirche. Das ist der eitle Dienst, welchen auch die Ungläubigen unter uns dem Gekreuzigten leisten müssen; sie können, so irdisch ihr Trachten sein mag, nicht tun, sich nicht einrichten, als wäre kein Christentum in der Welt; das große Getriebe des christlichen Lebens umfasst auch sie, reißt sie mit fort, und sie müssen Dienste leisten, mitwirken, mitmachen, werden mit in Bewegung gesetzt, und müssen Werke verrichten, Unternehmungen unterstützen, zu welchen der eigene, freie Wille sie nimmermehr hintriebe. Das ist der nichtige Dienst, welchen die Kinder der Welt uns leisten müssen; er wird zwar angenommen, aber nicht angerechnet im Buche des Lebens.
Der Herr nimmt ihn an, diesen nichtigen Dienst, ja, er segnet ihn bisweilen, dass er vielen das Mittel wird, sich zum edleren Dienste heran zu bilden. Wir lesen ja ausdrücklich, jener Simon sei „der Vater des Alexander und Rufus“ gewesen. Was will der Evangelist mit dieser Bemerkung? Wenn er für uns schriebe, dann freilich müsste er beifügen, was denn von diesen Söhnen bekannt sei; er schrieb aber sein Evangelium zunächst für damalige Christen, und kann den Alexander und Rufus nur darum so ohne weiteres nennen, weil er weiß, dass beide den damaligen Christen wohl bekannt sind, ohne Zweifel als christliche Brüder. Wie nahe liegt also die Vermutung, dass eben der erzwungene Dienst, welchen der Vater hier leisten muss, ihm selbst und seiner Familie gesegnet wurde als erste vorläufige Bekanntschaft mit dem Gekreuzigten, als ein Reim, der später zur lebendigen Pflanze aufschoss. So kann auch der nichtige Dienst gesegnet sein und den besseren veranlassen.
O, Lasst uns hintreten vor den Gekreuzigten; jeder prüfe sich selbst und die Dienste, die er ihm leistet. Dienen wir ihm nur durch die Macht der Umstände genötigt oder durch Amt und Beruf gezwungen, dienen wir ihm in der Meinung, damit den Himmel zu verdienen, bauen wir unsere Zuversicht auf die armen, unvollkommenen, nicht einmal aus innerster Freudigkeit verrichteten, sogenannten guten Werke, wahrlich dann ist ein Simon, dann sind die Kriegsknechte, die ihn mit Essig tränkten, besser als wir, denn sie sahen nicht das Zeugnis der Weltgeschichte, wie wir es sehen. Nicht auf solche Knechtswerke verlasst euch; suchet mit Gebet und Flehen vielmehr die Gotteskraft des demütigen, kindlichen Glaubens; diese allein macht selig, und ergreift die Gnade des Allmächtigen. Die ihr noch als Knechte, nur gezwungen dienet, o, werdet Kinder Gottes durch den, welcher uns bis in den Tod geliebt hat, durch den, welcher mit seinem Blute das Gotteswerk der Erlösung besiegelt. (Alexander Schweizer.)