Matthäus 9,29
Andachten
“Euch geschehe nach eurem Glauben“
So antwortete der mitleidige Hohepriester auf den Hilferuf von zwei armen Blinden, die ihm folgten, als er das Haus Jairi verließ, das er durch seine Wohltat so hoch ausgezeichnet hatte. Erst sieht es so aus, als ob ihre flehende Bitte: „Ach du Sohn Davids, erbarme dich unser“ auf kein Mitgefühl in seinem Herzen zu rechnen hätte. Lässt nicht auch heute noch der Herr von Zeit zu Zeit einen Heilsbegierigen eine Zeit lang scheinbar vergeblich rufen und warten, um ihn gerade dadurch zu feurigerem Gebet anzuspornen? - Genug, dass die Blinden sich nicht entmutigen lassen, dass sie vielmehr mit geklärtem Geistesauge die rechte Spur zu finden wissen, die in seine stille Wohnung führt. Dort an der Schwelle wendet er sich um und fragt: Glaubet ihr, dass ich euch solches tun kann? Und kaum haben die Blinden demütig und doch zugleich freimütig ein einstimmiges: Herr, ja! vernehmen lassen, und mit dem einen Wort: Euch geschehe nach Eurem Glauben! verbindet sich die Berührung der heilenden Hand, und ein neues, helles Tageslicht geht ihnen auf in ihrer Finsternis.
Ist unser Geistesauge nicht ganz blind für unsere ersten und größten Bedürfnisse, und fangen wir an, diese zu fühlen, so werden wir auch unsrerseits immer stärker gedrängt zu rufen: Ach du Sohn Davids, erbarme dich unser! Ach, die Last der leiblichen Blindheit, wie schmerzlich und schwer sie auch zu tragen sein mag, sie ist gar nichts im Vergleich mit der Last der Sünde, die auf unser aller Schultern drückt. Und zu dieser großen Sündenlast kommt noch so manche andere, kleine und große Last von irdischer Sorge und quälendem Schmerz, die den Frieden aus unserm Gemüt, vielleicht auch den Schlaf aus unsern Augen verbannen, oder wie jene Blinden tasten wir in dichter Finsternis umher beim Blick auf eine umnebelte Zukunft! O, wo kämen wir hin, wenn wir den barmherzigen Hohepriester im Himmel nicht kennten, zu dessen Wohnung der Zugang allen Elenden ohne Unterschied offen steht; wo kämen wir hin, wenn er auch auf die Dauer unsern Klagen nur mit Schweigen begegnete. Aber nein, der Herr sieht auch uns nahen; er hört auch unser Klagegeschrei; er hat auch für uns eine Antwort, und diese Antwort enthält unendlich mehr Trost, als wir im Hinblick auf uns selbst hätten erwarten können. Er fragt nichts anders, nichts mehr als dies Eine: Glaubst du? und können wir darauf: Ja! antworten, so heißt es immer: Dir geschehe nach deinem Glauben!
Seine erste Frage lautet also nicht: Wie groß ist deine Sünde? - sondern: Wie groß, wie fest und stark ist dein Glaube an eine Gnade, die deine Schuld umsonst vergeben will? Nicht: Wie tief ist dein Elend? sondern: Wie groß ist deine Erwartung von mir, der da lebt, um Mangel in Genuss, um Traurigkeit in Freude zu verwandeln? - Nicht: Wie fest ist dein Glaube an manche Wahrheit, die für deinen Verstand unergründlich ist? - sondern: Wie steht es mit deinem persönlichen Glauben an mich, als den alleinigen, aber auch den besten Helfer? Bist du auch ganz bedeckt mit Wunden, so ist doch immer noch eine Stelle da, wo die heilende Hand des Arztes anfassen kann; kannst du mir auch nichts als Elend aufweisen, willst, kannst und magst du dann doch nur Gnade von mir erwarten? - Ja wahrlich? Glaubst du auf Grund seines Wortes, vielleicht gegen alle Erfahrung, gegen alles Erlebte, gegen alle Vernünfteleien des Kleinglaubens, glaubst du und lässt du ihn nicht, er segne dich denn? Glücklicher Mensch, du wirst, nein, du kannst nicht vergeblich rufen, denn alles ist möglich, nur dies nicht, dass der Wahrhaftige lüge. Glaube nur, so schenkt er auch dir, nachdem du's bedarfst und wie er verheißen hat, in aller Finsternis Licht, in aller Traurigkeit Trost, in allem Streit Versöhnung, in aller Schwäche Stärkung, in allem Mangel die Fülle, um die du ihn batest.
Aber wo ist unter uns der Glaube, der ihm wirklich wohlgefallen kann? Wo ist dein Glaube in so mancher dunklen Stunde? - Weißt du wohl, woran wir oft heimlich denken, wenn wir die Beschaffenheit so manches innerlichen Lebens zu erforschen suchen? An ein Haus, das von außen feststeht, vielleicht sogar Spuren von Pracht und Glanz zeigt, aber inwendig ausgebrannt ist, so dass, wer hineindringt, überall die Spuren von Verwüstung und Auflösung erblickt. Oder an einen Baum, der für den eiligen Wandrer noch im vollen Blätterschmuck prangt, aber, von innen hohl und zernagt, allerlei Getier zur Wohnung dient. Oder an einen Schwindsüchtigen, dessen Augen glänzen wie Sterne, während die unerbittliche Krankheit ihm totbringend durch die Adern schleicht. Ach, wie viel Unglaube und Zweifelsucht auch in dem Herzen, das schon einen Anfang in der Heiligung gemacht hat; wie viel sogenannter Glaube, der bloß tote Überzeugung aber keine lebendige Kraft ist; wie viel dürre Glaubenslosigkeit dadrinnen, auch da, wo der Mund oft die wichtigsten Wahrheiten bekennt, verteidigt und preist! Welcher Christ kennt sie nicht, jene dunklen Tage, die es nicht nur im Winter, sondern auch im Sommer des menschlichen und christlichen Lebens gibt, an denen uns alles eher möglich scheint, als wirklich mit Festigkeit und voller Freudigkeit zu glauben und durch solchen Glauben ein Leben im Geiste zu führen? Wir behaupten zu glauben, aber wir sind oft für uns selbst nicht besser daran, als andre, die an ihrem Glauben schon längst Schiffbruch gelitten haben. Ach Herr, wenn deine Augen zuerst und zumeist nur nach Glauben sehen - schaue dann auf andre, aber keinen Augenblick länger auf uns; gehe dann mit deinen Gaben an mir nur vorbei ohne zu geben; ja, gehe hinaus von mir, Herr, denn ich bin ein sündiger Mensch!
So kannst du von Grund deines Herzens klagen, und wagst dann doch noch zu behaupten, dass dir aller und jeglicher Glaube fehle? Als ob Fleisch und Blut uns solche Klagen lehrten, und nicht vielmehr der Vater im Himmel! Nein, grade jetzt kommst du durch das Tal der Demut hindurch zu der Höhe, von welcher aus du in unserem Texteswort ein Wort kräftiger Ermutigung erkennst. Ein Wort, das ermutigt - wozu denn wohl eher und anders, als zu der Bitte: Herr, hilf meinem Unglauben!? Und siehe, wie gnädig sich der Heiland solchen ungläubigen Gläubigen erzeigt; erbarmungsreich tritt er noch immer zu ihnen und fasst jeden Sinkenden an mit dem Wort: Kleingläubiger, warum zweifelst du? Er tut mit dir nicht nur nach deinem Glauben das wäre seinem erbarmenden Herzen zu gering - sondern noch unendlich weit über deinen Glauben hinaus. Besser noch, dein Glaube ist wie ein Senfkorn, als wie ein Wunderbaum. „Tue deinen Mund weit auf, lass mich ihn füllen“ (Ps. 81, 11), so klingt seine Friedensstimme.
„Euch geschehe nach eurem Glauben“. Welch' ein Sporn, nach immer mehr Glauben zu trachten, damit wir hinfort auch immer mehr aus seiner Fülle empfangen! Wahrlich, die Schuld davon, dass wir bisher verhältnismäßig so wenig empfangen haben, liegt nicht bei dem Herrn, sondern bei uns. Nein, der Arm, der die Augen dieser Blinden öffnete, ist auch jetzt noch um keine Spanne verkürzt. Bei dem Herrn ist Gnade und viel Erlösung bei ihm!“ Rühme dich seiner Gnade, du, der du bezeugen kannst, dass auch dir nach deinem Glauben geschehen ist, und lasse es nicht nur an deinen Worten hören, sondern auch an deinem Tun sichtbar sein, dass auch dir Erbarmung widerfahren ist, nicht um deines Glaubens willen, sondern nach deinem Glauben. Was schadet es, wenn die Augen. die Jesus angerührt hat, noch viel Elend sehen, noch manche bittere Träne vergießen müssen? Noch eine Nachtwache, und sie sehen - nicht mehr Nacht, sondern Licht.(Oosterzee, Johannes Jacobus van)