Matthäus 5,5
Andachten
Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.
Die Sanftmut ist nicht nur die Unterdrückung des aufsteigenden Ärgers und der Heftigkeit in Gegenwart des Unrechtes, sie ist auch die Unterdrückung jedes Ärgers und jeder Grausamkeit in der Seele selbst, um den wohlwollenden Wünschen für andere in uns Platz zu machen. Niemand ist vor uns so sehr ein solcher Sünder, wie derjenige, der da trachtet uns zu beleidigen, und es gibt keinen Zeitpunkt im Leben, in dem ein Mensch so sehr von der Kraft der göttlichen Liebe in sich Zeugnis ablegen kann, wie derjenige, in welchem er Langmut gegen den Sünder übt, der vergiftete Pfeile auf ihn abschießt. Das ist Sanftmut das ist göttliche Sanftmut.
Deiner Sanftmut Schild,
Deiner Demut Bild
In mich lege,
Auf mich präge!
Vor Dir ja nichts gilt,
Als Dein eigen Bild!
Amen. (Henry Ward Beecher)
** Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Land besitzen.
Die Armen im Geiste sind Bürger des Himmelreichs; sie freuen sich auf die Vollendung. Wie wird's ihnen sein, wenn einst alle Bürger dieses Reichs im Himmel versammelt sein werden! Der erste Fortschritt als Bürger des Himmelreiches ist die Stufe und Schule der Trauernden, die zweite aber ist die der Sanftmütigen. Der Mensch mit geöffneten Augen sieht grenzenloses Elend und wird darüber traurig. Und indem er aus Gottes Schäden nimmt, um der Welt zu helfen, wird er sanftmütig. Wir werden hier auf einen Gnadenstand aufmerksam gemacht, welcher Verklärung in das Bild Christi, Wesensähnlichkeit mit dem erstgeborenen Bruder in sich schließt. Sanftmütig ist das Haupt, sanftmütig müssen Seine Glieder sein. Die Sanftmütigen werden einst das Land besitzen. Das Land gehört dann nicht mehr dem Teufel, der Fürst der Finsternis wird es einst nicht mehr haben; es wird des Herrn, des Gesalbten, sein und wird damit zugleich in den Besitz der Sanftmütigen übergehen. Durch Sanftmut erlangen Christen die Befähigung, in Jesu Königreich irgendeine Stelle zu bekleiden, ein Amt zu übernehmen, zu dienen und zu wirken als zum Hause des Königs gehörend. Täuschen wir uns ja nicht über die Zukunft. Es wird auch nicht ein Einziger Haupt und Leiter werden, der nicht auf Erden in Jesu Nachfolge sanftmütig und von Herzen demütig geworden ist. Hast du den Herrn lieb, so wird dir Sanftmut geschenkt werden. Willst du dem Herrn dienen, so werde Ihm ähnlich im Charakter und im Verkehr mit deinen Brüdern. (Markus Hauser)
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**Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. V. 6: Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.
Das sind die Folgen des Geistlicharmseins und des Leidtragens: Sanftmut und Hungern und Dürsten nach der Gerechtigkeit. Also kann man's daran prüfen und erkennen, ob es mit der geistlichen Armut und dem Leidtragen recht beschaffen ist. Die Sanftmütigen nämlich, welche der Herr selig preist, sind solche Leute, welche in völliger Gott-Gelassenheit stehen, also ihren eigenen Willen zerbrochen haben, und nun die dritte Bitte: Dein Wille geschehe! ganz aufrichtig beten können und dazu das schöne Lied anstimmen: Ich hab' in Gottes Herz und Sinn mein Herz und Sinn ergeben. Von solcher Sanftmut haben die Menschen vor Christo nichts gewusst, da regierte der Eigenwille und Eigensinn, ein Jeglicher sah nur auf seinen eigenen Weg, wollte sich auch nicht davon abbringen lassen, woraus denn all' der Hader und Streit entstand. Jetzt aber sollte es heißen: All' Fehd' hat nun ein Ende! die Sanftmütigen fangen keinen Streit an! es frägt sich nur, ob die Menschen nach Christo den Geist haben, welcher ein Stiller alles Haders ist. Dass diesen Sanftmütigen das Erdreich verheißen ist, könnte uns Wunder nehmen, und würde uns vielleicht begreiflicher sein, wenn es hieße: ihr Reich ist nicht von dieser Welt. Jedoch, es muss doch wohl seine Richtigkeit haben mit dem Besitzen des Erdenreichs, kommt nämlich nur darauf an, das Ende abzuwarten, denn auf der neuen Erde und unter dem neuen Himmel werden doch nur diese Sanftmütigen wohnen. Mit der Sanftmut ist nun das Hungern und Dürften nach der Gerechtigkeit unzertrennlich verbunden, denn wo der eigene Wille zerbrochen ist, da muss der Wille Gottes durchdringen, und dieser Wille besteht gerade darin, dass Er uns für gerecht erkläre, indem Jesus Christus unsere Gerechtigkeit wird. In diesem einen Stück haben die Sanftmütigen auch ihren Willen, ja einen sehr starken und eifrigen Willen, daran sie Alles sehen, wie einen Hungrigen nach Speise und einen Durstigen nach Trank verlangt. Darin aber ist ihr Wille völlig eins mit dem guten und gnädigen Willen Gottes, dieweil Er gerade will, dass allen Menschen geholfen werde! (Nikolaus Fries)
Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.
Sanftmut ist die Stille und Gelassenheit eines Herzens, das in seinem Eigenwillen gebrochen, in Christo Frieden gefunden hat. Wir sind nun mit Allem zufrieden, was Gott schickt. Wir sorgen und murren nicht mehr. Denn der uns seinen eingebornen Sohn gegeben, wie sollte uns der mit ihm nicht Alles schenken! Wir lassen unsre Lindigkeit kund werden auch den Menschen. Wir bleiben unsrer Leidenschaft Herr, wo sie uns reizen und ärgern. Wir vergeben, weil wir selbst so viel Vergebung bedürfen. Es kann nicht anders sein. Haben wir in unsrer Armut und Not Trost in Dem gefunden, der sanftmütig und von Herzen demütig ist, wie sollten wir nicht von ihm Sanftmut lernen gegen die Menschen. Diese Sanftmut ist keine Schwäche, sondern ein hoher Mut. „Ein Geduldiger ist besser, denn ein Starker, und der seines Mutes Herr ist, denn der Städte gewinnt.“ Die Sanftmut ist's, die zuletzt auch die Härtesten Herzen gewinnt, auch die erbitterten Feinde sich zu Freunden macht. Sei sanftmütig, und du bändigst den Born, du stillst den Streit, du versöhnst die Entzweiten. Steht dir Einer gegenüber mit argen Gedanken und feindlichem Herzen und bösen Worten, bleibe nur in der Geduld und Liebe, und du bezwingst ihn doch zuletzt. Die Sanftmut gewinnt und erobert. In ihr liegt Gottes Macht. Wen überwände es nicht, wen gewänne es nicht für Christi Reich, wenn er an den Seinen die heilige Stille und Gelassenheit, den tiefen Frieden sieht, mitten in allem Streit der Menschen, mitten in aller Angst der Welt. So lasst uns hin gehen und durch Sanftmut unserm König die Herzen gewinnen. Dann werden wir einst auch das Reich der Herrlichkeit ererben, das ewige Kanaan, das gelobte Land. (Adolf Clemen)
Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.
Die Leidtragenden tröstet der heilige Geist; sie bringt er in den seligen Genuss der Gnade Gottes, des Friedens Gottes in Christo Jesu. In ihren Herzen kann der Geist Jesu, der Geist der Sanftmut und Demut sein Werk haben. Die Sanftmütigen sind Leute, die den Geist Jesu haben und sie werden das Erdreich besitzen, das Land ererben. Unser Heiland nahm diese dritte Seligpreisung aus Psalm 37; wer diesen liest, versteht den Sinn des Herrn. Der Geist der Welt ist herrschsüchtig, rücksichtslos, ungerecht, macht sich nichts daraus, Andere zu bedrücken, zu übervorteilen, auf die Seite zu schieben. Die Sanftmütigen haben die Art ihres Meisters: sie lassen sich Ungerechtigkeit gefallen; sie tragen es, wenn sie zu kurz kommen, sie dulden es, wenn sie verachtet werden, sie lassen sich als Törichte ansehen von denen, die sie übervorteilen, und müssen es oft hören: „du bist dumm, dass du dir das gefallen lässt.“ Das macht sie nicht irre. Ihr Meister antwortete kein Wort, als sie ihn hart verklagten Matth. 27,14. Der ungerechte Mensch sucht seine Rechnung in dieser Welt, kennt keine andere Hilfe, als Selbsthilfe und nimmt es nicht genau mit den Mitteln, durch die er seine Zwecke zu erreichen sucht. Der Sanftmütige sucht seine Rechnung nicht hienieden, sondern in der Ewigkeit; Zorn, Ungerechtigkeit, List, Gewalttätigkeit sind nicht seine Mittel. Er duldet, wartet auf den Herrn, kennt höhere Güter als äußere Vorteile und ist gewiss, dass auch scheinbar magere Weide ihm mehr einbringt, als das üppigste Sodomtal. Dulden wir, so werden wir auch mitherrschen sagt Paulus in 2. Tim. 2,12. Wer sich hier von aller Ungerechtigkeit frei erhält, gerne untendurch geht in Sanftmut und Geduld, ist von unserem Könige ausersehen, König und Priester zu werden und zu herrschen auf Erden, wenn Er kommt zum Gericht über die Gottlosen und zur Verherrlichung der Sanftmütigen. Hier werden diese erzogen, einst zu herrschen in Gerechtigkeit. Die gottlose Welt ist unser Lehrmeister; hat er sein Werk getan, so wird er abgesetzt und wir werden eingesetzt. Damit tröste dich.
Sanftmütiger Heiland! Dir will ich nachfolgen. Erziehe mich, bewahre mich, damit ich das Reich ererbe, das Du verheißen hast. Amen. (Elias Schrenk)
Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.
Wer sein Elend erkannt hat, wem der Schmerz über seine Sünde durch das Herz gegangen ist, der muss stille werden im Geist. Er kann nicht mehr pochen auf die eigene Gerechtigkeit. Er kann sich nicht mehr rühmen mit seinem guten Herzen. Er kennt ja dies gute Herz. Er kann eben so wenig über andere zu Gericht sitzen. Er ist in sich selbst gerichtet. Er muss sich allewege sagen: Wie soll ich einen Stein auf meinen Bruder werfen, da das Gesetz täglich seine Steine auf mich wirft?“ Das ist die erste Seite der Sanftmut. Aber nun gibt es noch eine andere. Wenn man dem natürlichen Menschen in seinem Hochmut seine Sünde vorrückt, so ist es, als ob Wasser Wasser ins Feuer gegossen würde. Er braust auf im Zorn seiner eingebildeten Gerechtigkeit. Wenn man ihm von der Gnade redet, deren er bedürfe, so ist ihm solches Wort eine Torheit. Der Sanftmütige dagegen kann das Wort von seiner Sünde wohl vertragen. Er sagt es sich ja selber. Die Botschaft von der Gnade ist ihm keine Torheit. Er weiß, dass er ohne sie verloren ist. Er nimmt das Wort mit Sanftmut auf, welches seine Seele selig machen kann. - Ihm gilt denn auch die liebliche Verheißung: Die Sanftmütigen werden das Erdreich besitzen“. Das ist dem natürlichen Verstande die größte Torheit. Die Welt meint, sie will es mit ihrem Wollen und Laufen ausrichten. Sie meint, den Sabbat Gottes brechen, es mit dem Recht nicht so genau nehmen, eine eherne Stirn haben, kess und trotzig auch sein Unrecht verfechten, mit seiner Kraft, Kunst und Ware rühmen und prahlen, das helfe vorwärts. Es ist nicht wahr. Schon die einfache Klugheit sagt es, dass diese Läufer und Schreier am ersten außer Atem kommen. Das gilt in Handel und Wandel, in Krieg und Frieden, in Ehre und Ruhm. Die Sanftmütigen werden das Erdreich besitzen. Eine kleine Weile hat es den Schein, als ob ihnen jene Stürmer im Irdischen voran kämen. Es ist aber wie mit dem Hausbau. Wer langsam bauet, der bauet sich ein festes Haus; wer es schnell in die Höhe treibt, dem stürzt es wohl über dem Kopfe zusammen. Lot, welchen sein Geiz in die reichen aber gottlosen Ebenen von Sodom und Gomorrha hinuntergetrieben hatte, ging mit dem Stabe aus Sodom; Abraham, welcher, obwohl der ältere Mann, doch in rechter Sanftmut mit den Höhen von Hebron und Mamre zufrieden gewesen war, ward ein Fürst und Herr unter den Völkern Kanaans und reich gesegnet mit allen Gütern. Wer auf den Herrn trauet, wird das Land erben und seinen heiligen Berg besitzen. Doch warum flicht der Herr solche irdische Verheißung in diesen himmlischen Kranz ein? Er will die Seinen nicht nach Brot gehen lassen. Gerade denen, welche die Welt verleugnen, soll die Welt geschenkt werden. Er hat es so geordnet, dass die Pilger Zions schon nach einer kurzen Wanderstrecke Wasserbrunnen finden, damit sie Mut zur weiteren Wanderung schöpfen.
Herr, wir treten wieder an die Tagesarbeit, an den Erwerb des Besizes, den wir zum Erdenleben brauchen. O hilf uns, dass wir arbeiten und streben in dem rechten Sinne, und dass wir von dir lernen, recht zu arbeiten. Du hast es getan in Sanftmut und Barmherzigkeit, und du hast damit dir das Erdreich erworben. Wir möchten nur zu leicht über unseren Erdenerwerb das Himmelreich verlieren. lass diesen ganzen Tag deine Treue und Sanftmut uns so recht vor Augen stehen, dass wir nach ihr all unser Tun und Lassen richten. Amen. (Friedrich Ahlfeld)
**Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. **
Auf Erden gelten nicht die Sanftmütigen, sondern die Mächtigen, ja oft die Gewalttätigen für beneidenswert; diese erlangen die Herrschaft, während jene zurückgedrängt werden. Die Sanftmütigen hält man für Toren und doch braucht es mehr Kraft, seines Mutes Herr zu werden, als Städte zu bezwingen. Dass in der Sanftmut die größte Kraft liegt, sehen wir an dem Beispiele desjenigen, der die obigen Worte gesprochen hat. Christus, dem die Meereswogen untertan sind und dessen Wort: „Ich bin’s!“ die Feinde zu Boden schmettert, geht als ein Lamm geduldig zur Schlachtbank hin, ist sanft bei den Backenstreichen, stille bei der Geißelung und betet am Kreuze für seine Peiniger. Darum hat ihm auch Gott einen Namen gegeben, der über alle Namen ist, und alle Knie müssen sich einst vor ihm beugen und alle Zungen bekennen, dass er der Herr sei zur Ehre Gottes des Vaters. Also ist es eine Lügenrede vom Feind, dass Sanftmut eine Eigenschaft der Toren und der Feiglinge sei. Sanftmut zu üben haben wir oft Gelegenheit, denn wir leben alle unter einem leicht erregbaren Menschengeschlecht und vielleicht tritt uns heute mancher Anlass entgegen, um sie nach dem Sinne Jesu betätigen zu können.
Wie wollen wir Sanftmut lernen? Durch Erkenntnis unserer Mängel, die uns lehren werden, auf der Hut zu sein, durch Erkenntnis der großen Geduld, die Gott mit uns gehabt hat und täglich noch haben muss. Dann gilts zu beten um den Geist Jesu Christi, der uns innerlich stille macht und die Bereitschaft schenkt, die kleinen Beleidigungen reizbarer Menschenkinder mit Freundlichkeit hinzunehmen. Sanftmut ist ein Schild, an dem sich die Waffen der Feinde abstumpfen, eine Kraft, durch die man die Herzen gewinnt und feurige Kohlen auf des Feindes Haupt sammelt. Sanftmut vermag der aufgeregten Menschen Sünde zu dämpfen. Warum wird ein solches Wort nicht mehr beachtet, durch dessen allseitige Anwendung mit einemmale aller Hass, alle Prozesse, ja alle Kriege verschwinden müssten und die Welt ein anderes Ansehen gewänne?
Die Sanftmütigen werden das Erdreich besitzen! Die Wahrheit dieser Verheißung erfährt man in manchen einzelnen Fällen jetzt schon, aber in ihrem Umfange wird sie erst in Erfüllung gehen, wenn der Herr kommt und das Friedensreich stiftet, welches seine sanftmütigen Nachfolger besitzen sollen. Auf dieses hin lasst uns sanftmütig werden!
Herr Jesu, mache mich sanftmütig, wie du gewesen bist und dich noch heute in meiner Führung beweisest. Verhindere alles Aufbrausen, allen Zorn, alle Bitterkeit. Gib du den Deinigen den Mut des Stilleseins in der Überzeugung, dass du ihre Sache führest und dem Rechte zum Sieg verhilfst. Schütze mich heute in jeder Gefahr! Amen. (Rudolf Wenger)
Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.
Die Sanftmut ist eine der schwersten Tugenden. Ein phlegmatisches Temperament hat auch einen Schein von Sanftmut, aber natürliche Schläfrigkeit ist nicht die Eigenschaft, welche der Herr hier seligpreist. Es ist überhaupt nicht eine natürliche Tugend, sondern die Sanftmut gehört auch zu den Früchten des Heiligen Geistes (Gal. 5, 22). Man muss wohl unterscheiden zwischen dem, was Natur, und dem, was Gnade ist. Erst mit der Erweckung des Herzens fangen die rechten Tugenden an. Die besten Eigenschaften, wenn sie nicht von der Gnade geheiligt worden sind, haben etwas Trügerisches und sind nicht feuerfest. Man bringt es bloß, aber dann bricht auf einmal bis zu einer gewissen Linie aus dem alten Herzen lauter Gift und Galle, und auch der natürlich Sanftmütigste war doch nur ein verkappter Wolf. Haben wir aber einmal unsere angeborene Heftigkeit, unsere Anlage zum Ärger, zum Verdruss, unser zorniges, hässliches Wesen erkannt; ist diese Sünde uns endlich zum täglichen Kreuz geworden, dann kann der Heilige Geist das alte Herz umschmelzen. Der Mangel an Sanftmut kommt von dem harten, ungebrochenen Sinn, der sich in nichts schicken kann und der tüchtig anrennen muss, um, wie man sagt, sich die Hörner abzustoßen. Die Verheißung, die der Herr den Sanftmütigen gibt, ist, dass sie das Erdreich besitzen werden. Das ist schon insofern wahr, dass den Sanftmütigen auf Erden alle Herzen zufliegen, wenn ihre Sanftmut in allen Fällen Stich hält. Ein Sanftmütiger ist ein rechter Erdenkönig, denn alle Waffen fallen vor ihm nieder; eine gelinde Zunge bricht die Härtigkeit. Aber der Herr denkt auch zugleich an die neue Erde, wo nicht mehr die Ungerechten regieren werden, sondern die Sanftmütigen. Das Land Kanaan, dessen Besitz den Kindern Israel auf immer versprochen worden war, ist nur ein Schattenbild der verklärten Erde, auf welcher dann nicht mehr ein Narr Fürst heißen, noch ein Geiziger Herr genannt werden wird. Dann kommt die Reihe an die Sanftmütigen, an die, welche heut in alle Ecken gestoßen werden; das sind dann die Hauptpersonen im Reich Christi. Ihr innerlicher Schmuck wird dann auch äußerlich zur Ehre gekommen sein, und unter diesem neuen Regiment wird man sich nicht mehr beißen und fressen, sondern Jedermann wird sein als Einer, der vor dem Winde bewahrt ist, und wie Einer, der vor dem Platzregen verborgen ist, wie die Wasserbäche am dürren Ort, wie der Schatten eines großen Felsen im trockenen Lande. (Friedrich Lobstein)
Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.
In der Christenheit kann man Gott nicht so aus dem Wege gehen, dass man in seinem Herzen nicht eine bestimmte Stellung zu Ihm einnehmen müsste. Denn sein Wesen ist in derselben durch die Offenbarung bekannt, sein Wille liegt uns im Gesetze vor, und jeder einzelne Christ wird von Ihm wie ein Kind von seinem Vater geführt. Bist du bekehrt, so stehst du in deinem Herzen zu Ihm freundlich und sanftmütig, bist du aber unbekehrt, feindlich und widerstrebend. Der hochmütige Verstand des natürlichen Menschen will von einer übernatürlichen Offenbarung nichts wissen; er will es nicht zugeben, dass es Etwas geben könne, was über sein Verständnis hinausliege, und er beklagt sich über unerträglichen Zwang, wenn ihm zugemutet wird, an die Offenbarungen des unsichtbaren Gottes, wie sie die Heilige Schrift berichtet, und an sein schöpferisches Eingreifen in den natürlichen Lauf der Dinge bei den Wundern zu glauben. Das ist keine sanftmütige, sondern eine widerstrebende Herzensstellung zu Gott. Der natürliche Mensch lässt sich höchstens noch die Moral der Heiligen Schrift gefallen. Aber im Grunde steht er doch auch zu dieser nicht anders als widerstrebend. Denn woher denn sonst die tatsächlichen täglichen und unzähligen Übertretungen seiner Gebote, namentlich derer, die sich auf die Person Gottes besonders beziehen? Baut das Herz nicht täglich dem Mammon, der Lust, der Eitelkeit, dem Ehrgeiz Götzenaltäre auf? Wird sein heiliger Name nicht unzählige Mal missbraucht und nicht sein Tag, der Tag der Ihm geweihten Ruhe, durch unnötige Arbeit und Frönen der Sinnenlust entweiht? Und wenn die Gebote, die sich auf den Nächsten beziehen, weniger gröblich übertreten werden, so geschieht auch das nicht aus innerlicher Lust am göttlichen Gesetze, aus Liebe zu Gott und dem Nächsten, sondern aus Furcht vor den unbequemen Folgen, die hier rascher eintreten wie dort. Und wenn mit der Anwendung des göttlichen Gesetzes Ernst gemacht wird auf die eigene Person, so widerstrebt auch hier das unbekehrte Herz, will Recht behalten gegen das göttliche Gesetz, behauptet, es sei in unsern Verhältnissen unmöglich, es zu halten, und klagt gegen die übermäßige Strenge desselben. Und beweist sich etwa das natürliche Herz sanftmütiger gegen Gott bei den Führungen desselben in unserem Leben? Sagt nicht der Prophet Jeremias schon: „Wie murren denn die Leute in ihrem Leben so? Ein Jeglicher murre über seine Sünde.“ (Klagel. 3, 39.) Die Unzufriedenheit mit seinem Schicksal, des Herzens Murren wider Gott, der es lenkt, hat auch heute nicht aufgehört. Der Herr spricht aber die Seligkeit denjenigen sanftmütigen Herzen zu, welche mit Ihm in seinen Offenbarungen, in seinem Gesetze und in seinen Führungen zufrieden sind, sich unter Ihn beugen und aus seiner Gnadenhand Alles mit Dank dahinnehmen. Solche sind auch sanftmütig gegen den Nächsten. Denn die Sanftmut gegen Gott ist die Wurzel der Sanftmut gegen die Menschen. Ein armer Sünder vor dir selbst, siehst du in deinem eigenen Auge Balken, in den Augen des Bruders aber nur Splitter. Und im Gefühle deiner Unwürdigkeit lässt du dir es gefallen, wenn du gescholten, gestraft und gedemütigt wirst. Selig ist solche Gesinnung, denn ihr ist der Besitz des Erdreichs verheißen. Und der Erleuchtete versteht es, dass die Sanftmütigen auch jetzt schon im Besitze des Erdreichs sind. Denn wenn auch die, welche sich geltend zu machen verstehen, einen größeren Teil von irdischen Gütern an sich bringen, als die Sanftmütigen, welche Gewalt vermeiden, und lieber Unrecht leiden als Unrecht tun, so sind die letzteren doch zufrieden mit dem Anteil, den Gott in ihre Hand gelegt hat und wissen im Glauben, dass Alles in der Welt zu ihrer Verfügung steht, wenn sie dessen bedürfen, denn die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, und Er gibt ihnen davon nach seiner Weisheit und ihrer Not. Sie besitzen, sie beherrschen die Erde und ihre Güter, Jene aber werden von ihnen beherrscht. Die Welt und ihr Besitz ist ihr Abgott, nie haben sie genug davon. Unruhig beim Erwerb, unzufrieden beim Besitz, unglücklich und trostlos bei dem Verlust, sind sie Knechte der Güter, aber nicht ihre Herren. Die verklärte Erde wird nicht ihnen, sondern den Sanftmütigen gehören, denen jetzt schon das Erdreich im Glauben zur Verfügung steht, und die es in der Vollendung dereinst auch äußerlich einnehmen werden. (Anton Camillo Bertoldy)