Matthäus 21,15
Andachten
Da aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten sahen die Wunder, die Er tat, und die Kinder im Tempel schreien, und sagen: Hosianna, dem Sohne Davids! wurden sie entrüstet, und sprachen zu Ihm: Hörst Du auch, was diese sagen? Jesus sprach zu ihnen: Ja; habt ihr nie gelesen: Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast Du Lob zugerichtet?
Der Herr ist im Tempel; Er hat die heilige Stätte aufs Neue geweiht, und sie mit den Wundern Seiner rettenden Liebe angefüllt: die Lahmen hat Er gehend gemacht; den Blinden hat Er die Augen aufgetan. (V. 14.) Die Priester schweigen; die Schriftgelehrten bleiben stumm, aber aus Kindesmund bricht das Hosianna hervor; sie begreifen des Meisters wunderbares Liebeswalten, denn an ihrem eigenen Herzen sind sie es inne geworden, was Er vermag; und wie kann Er, der selber in ihnen Sein Werk hat, ihr Loblied verdammen? Hat nicht der Herr in ihrem brünstigen Gebet Sich eine Macht, eine Waffe zugerichtet, durch welche Seine Feinde zu Schanden werden? Muss nicht der trostlose Unglaube beschämt verstummen, wenn er sich solchem Gegner gegenüber sieht? Kindes-Gebet, ja das dringt durch die Wolken, das beweget Gottes Herz zu wunderbarer Erhörung. Wenn wir zur rechten Zeit und in rechter Weise unsere Kinder beten lehren wollten, wir würden es zu andrer Zeit von ihnen wieder lernen können. Gott der Herr hat zunächst der Mutter diese Aufgabe zugewiesen, und wo gäbe es eine, die heiliger und schöner wäre, als diese? An dem Herzen der Mutter ist das Kind erwachsen; an ihr hängt es am innigsten; ihre Stimme lautet ihm am lieblichsten; ihrem Worte vertraut es noch unbedingt. Und wenn die Mutter selber den Herrn kennt und lieb hat, wie sollte es ihr nicht leicht werden, ihr Kind Ihm frühe zuzuführen? Liebe Mutter, die du heute dies Wort liest, um dich durch dasselbe zu erbauen: bist du dieser deiner Pflicht eingedenk gewesen? weißt du, wie du sie erfüllen sollst? Schäme dich nicht des heiligen Priester-Amtes, zu dem Gott dich verordnete; du liebst ja dein Kind; du möchtest, dass es auf Erden glücklich, und dereinst im Himmel möge selig werden: was für eine höhere Liebe kannst du ihm beweisen, als es zu dem himmlischen Meister in die Schule zu bringen, dass Sein Werk an deinem Kinde das deine ergänze? So erschließe denn frühe deinem Kinde das Geheimnis der himmlischen Welt; mach' es bekannt mit seinem Gott, der ihm schon Vater war, ehe es einen Vater auf Erden hatte; sag' ihm, dass Er Alles sieht und Alles hört, dass Er die Sünder straft, und die Frommen segnet und beschützt; sag' ihm von dem Heiland der Welt, der als ein Kind vom Himmel zu uns gekommen, und Seinen Eltern gehorsam gewesen, und dann mit Liebestaten durch die Welt gezogen sei; dass Er die Kinder liebt, vom Himmel auf sie niederschaut; dass Er den frommen Kindern die Stätte bereite in dem himmlischen Vaterhause. Und wenn sie sündigen, so erinnere sie daran, dass es Ihm wehe tut, und lehre sie, Ihn lieb haben von ganzem Herzen; wenn sie schlafen gehen, dann leg' ein Gotteswort auf ihre Lippen, das ihren Jahren, ihrer Fassung angemessen ist; gehe mit ihnen die Erlebnisse des Tages durch: lass sie sich erinnern an ihre Sünden, an ihre Versäumnisse, an ihre noch nicht überwundenen schlechten Gewohnheiten, und lass sie bei Ihm dafür Vergebung suchen; lass sie Ihm Dank sagen für alle die kleinen Freuden und Gaben, die der Tag brachte; und danach gewöhne sie, dass sie allein, aus dem eigenen Herzen mit ihrem Gott und Heiland reden mögen, und hilf nach, dass die gute Sitte nicht nachlasse. Damit sie aber auch nicht zur gedankenlosen Gewohnheit ausarte, tritt immer wieder von Zeit zu Zeit an deines Kindes Lager, und schäme dich nicht, auch mit deinem größeren Kinde wieder laut und herzlich zu beten, damit an deinem Glauben seine Einfalt bewahrt bleibe. Und wenn dann mit den späteren Jahren auch die Welt ihr Anrecht auf deines Kindes Herz geltend macht; wenn die kleinen Sünden zu bedenklichen Gefahren auswachsen; wenn du fühlst, dass du deine Macht über deines Kindes Herz verlieren könntest: o, dann gehe wieder mit ihm in das Betkämmerlein, und schäme dich nicht, mit ihm zu beten. - - Das ist der einzige Weg, dass es dir nicht verloren geht; glaube nur und sei getrost: „Das Gebet des Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich gemeint ist.“ (Julius Müllensiefen)