Hosea 2,16
Andachten
Ich will sie locken und will sie in eine Wüste führen und tröstlich mit ihr reden.
Die Güte Gottes sieht, dass wir von der Sünde angelockt werden und beschließt, die mächtigeren Lockungen der Liebe an uns zu versuchen. Erinnern wir uns nicht, wie der Liebhaber unsrer Seelen zuerst seine Anziehungskraft auf uns ausübte und uns von den Bezauberungen der Welt hinweglockte? Er will dies immer wieder tun., wenn Er uns in Gefahr sieht, vom Bösen umstrickt zu werden. Er verheißt, uns besonders zu nehmen, denn so kann Er am besten auf uns einwirken, und dieser abgesonderte Ort soll nicht ein Paradies sein, sondern eine Wüste, weil dort nichts sein wird, was unsre Aufmerksamkeit von Gott abzieht. In den Wüsten der Trübsal wird die Gegenwart des Herrn alles für uns und wir legen weit höheren Wert auf die Gemeinschaft mit Ihm, als wir es taten, da wir unter unsrem eignen Weinstock und Feigenbaum in der Gesellschaft unsrer Gefährten saßen. Einsamkeit und Leiden bringen mehr Menschen zu sich selber und zu ihrem himmlischen Vater, als irgend welche andren Mittel. Wenn wir so angelockt und in die Einsamkeit geführt, sind, hat der Herr uns köstliche Dinge zu unsrem Troste zu sagen. „Er redet zu unsrem Herzen.“ wie es im Original lautet. O, dass uns jetzt diese Verheißung in unsrer Erfahrung ausgelegt würde! Gelockt durch Liebe, abgesondert durch Leiden und getröstet durch den Geist der Wahrheit, möchten wir da den Herrn erkennen und vor Freude singen! (Charles Haddon Spurgeon)
„Darum siehe, Ich will sie locken, und will sie in eine Wüste führen und freundlich mit ihr reden. Und will ihr geben ihre Weinberge aus demselben Ort.“
Das „darum“ in diesem Verse ist überaus köstlich.
Das Volk Gottes war in trauriger Weise abgewichen. Der Herr hatte es mit Gnadenerweisungen überhäuft und sie hatten Seine Hand nicht erkannt, hatten die Gaben genommen und den Geber verachtet.
„Sie will nicht wissen, dass ich es sei, der ihr gibt Korn, Most und Öl, und ihr viel Silber und Gold gegeben habe.“ V. 8. Ja noch mehr, sie waren schändlicher Weise ihren Abgöttern nachgelaufen, sie hatten wissentlich die Wege der Sünde den Wegen Gottes vorgezogen. Wie werden nun Seine Gedanken gegen diese Frevler sein? können sie etwas anderes als gerechte Strafe, als Verwerfung der Abtrünnigen meinen?
Wir können, wenn wir das verbindende Wort darum vernehmen, nichts anderes erwarten, als dass der Richter jetzt die Strafgründe zusammen fassen und das Verdammungsurteil aussprechen wird. Aber siehe! anstatt dessen, was wir erwartet, sind es Worte der Liebe, worin Er Seine Gedanken kundgibt. „Siehe, Ich will sie locken, und will sie in eine Wüste führen und freundlich mit ihr reden, und will ihr geben ihre Weinberge aus demselben Ort.“
Das ist noch immer die Weise, wie Er Seine Kinder behandelt. Nur zu oft vergessen sie Seiner, wenn es ihnen wohl geht und die Güter und Flitter der Welt sie umgeben. Dann lässt Er das Geräusch der Welt verstummen, führt sie hinaus in die Einsamkeit der Trübsal, und da in dieser Wüste, wenn sie gedemütigt, gezüchtigt, ernüchtert sind, da öffnet Er ihnen das Ohr für die „freundlichen Gedanken“ Seiner Liebe, Seines Trostes, Seiner Vergebung. Und wie unaussprechlich freundlich ist Seine Behandlung, wie ist Er so fern davon, die zu verlassen, die Ihn verlassen haben! Er versucht jedes Mittel, jede Versprechung, um sie den bittern Folgen ihres Abfalls von Ihm zu entreißen die allerfreundlichsten Gedanken eines Menschen gegen seinen Beleidiger sind strenge und hart im Vergleich mit den Seinigen, was dachten und taten die Hüter der Stadt der Braut im Hohenliede, als diese trostlos herumirrte, ihren himmlischen Freund zu suchen, den sie doch in Folge ihrer eignen Trägheit und Nachlässigkeit verloren hatte? sie nahmen ihr ihren Schleier, schlugen sie wund und bestürmten sie mit Vorwürfen. Als sie aber Den wiederfand, den sie suchte, und obwohl sie ihn in dem kalten Tau der Nacht hatte stehen lassen, da schilt und schlägt Er sie nicht, sagt ihr kein böses Wort, sondern Er führt sie in die Wüste und redet freundlich mit ihr. Und das nächstfolgende Bild dieses heiligen Liedes zeigt uns die getröstete Braut, wie sie von der Wüste herauffährt und sich an ihren Freund lehnt. Hohel. 8,5.
Wie handelt Er mit dir? etwa gegen alle deine Wünsche und Hoffnungen, hat Er „deinen Freuden und Festen ein Ende gemacht, deine Weinstöcke und Feigenbäume wüste gemacht“ (Hos. 2,11.12), ja dich selbst in eine Wüste geführt? - Was wäre wohl aus dir geworden, wenn Er dich weiter hätte laufen lassen in deinen Welt- und Sündenwegen, dich immer weiter abirren lassen? Ist es nicht eitel Barmherzigkeit, dass er die betrügliche Lust und Herrlichkeit der Welt dir genommen hat als es dir wohlging, da wolltest du nicht auf Seine Stimme hören, du nahmst alle Seine guten Gaben hin, ohne dem himmlischen Geber nur zu danken. Da brachte Er dich in eine Wüste wie Jesus Seinen Jüngern tat, wenn Erste für die kommende Trübsal stärken wollte, nahm Er dich mit Sich allein auf einen Berg, an einen einsamen Ort, fern von der Welt. Da hat Er dich gedemütigt, aber auch freundlich mit dir geredet. Er führt uns in die Wüste, aber Er führt uns auch hindurch, und führt uns hinauf nach oben. Er gibt uns Seine guten Gaben, „Korn, Most und Öl, Silber und Gold, Wolle und Flachs“ (Kap. 2,8.9), wenn Er will, und entzieht sie uns, wenn Seine Weisheit es für gut befindet allemal aber ist es Seine Liebe, die uns dadurch lockt und führt.
Gewiss, mein Freund gibt solche edle Gaben,
Die alle Welt mir nicht verschaffen kann.
Schau an die Welt, schau ihren Reichtum an,
Er kann ja nicht die müden Seelen laben:
Mein Jesus kann's, Er tut's im Überfluss,
Wenn alle Welt zurück stehen muss. (John Ross MacDuff)
Darum siehe, ich will sie locken; und will sie in eine Wüste führen, und freundlich mit ihr reden. **
Der Herr sei gelobt, dass Er's übernommen hat, die Seelen zu locken und zu überreden, dass sie ihm ihr Herz schenken, dass sie sich an ihn übergeben, und ihren Augen seine Wege wohlgefallen lassen. Wer vermochte sie sonst zu locken, und wenn man ihnen alle Herrlichkeiten des Himmels zeigte; wer vermochte sie zu überreden, wenn man auch alle Beweggrunde auseinander setzte, welche des Menschen eigene Wohlfahrt oder Elend so reichlich darbieten. Wer vermochte sie zu überzeugen, da so der Unglaube und so des Herzens Härtigkeit alle Mühe vereitelt.
Wohl mochte Paulus an die Korinther, in dem zweiten Briefe Kap. 12, 16., schreiben: Weil ich tückisch war, habe ich euch mit Hinterlist gefangen. Und es mag wohl Mancher sein, welcher, nachdem er von der Gnade gefangen war, nachgehends in Umstände kam, wo er mit Rebekka sagen möchte: Da mir's also sollte gehen, warum bin ich in diese Lage gekommen? Der Herr weiß sich aber schon den Eingang zu den verschlossenen Herzen zu verschaffen, und so zu klagen, dass man weint, oder so zu singen, dass man tanzt. Und er ist's freilich, der, so wie das Vollbringen, auch das Wollen wirkt, und das gute Werk anfängt, wie er es vollendet. (Gottfried Daniel Krummacher)
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**Darum siehe, ich will sie locken und will sie in eine Wüste führen und freundlich mit ihr reden.
In die Wüste - gerade kein anziehender Punkt für das Auge; wer uns dorthin lockt, scheint nicht unser Freund zu sein, und wer sich dahin führen lässt, braucht wenigstens nicht auf Ruhe und Bequemlichkeit zu rechnen. Und doch, welche erbarmende, welche langmütige Liebe, die sich in diesem prophetischen Gottesworte gegen Israel ausspricht! Längst hätte das bundbrüchige Volk verdient, dass der Herr es gerechter Vergeltung, oder doch ewiger Vergessenheit preisgegeben hätte. Aber weder das eine noch das andere hatte er getan. Der ewig Getreue schaut sich um nach der Ungetreuen; hat sie ihren Gott in dem Kanaan der Sünde vergessen, Er wird sie in die Wüste der Entbehrung und des Mangels nicht unbarmherzig hineintreiben, sondern sie hineinlocken mit freundlicher Stimme, gleichwie der Freund die Geliebte mit seiner eignen Hand von allem zu trennen sucht, was zwischen sie beide sich gestellt hat. Dort in der Einsamkeit wird er in ihrem Herzen die alte Stimme wieder wach rufen, die schon allzu lange geschwiegen hat; und wo sie nichts zu ihrer Entschuldigung sagen kann, da wird er solche Worte sprechen, nicht nur zu ihrem Gewissen, sondern auch zu ihrem Herzen, die dadrinnen den bußfertigen Entschluss erwecken: „Ich will wiederum zu meinem vorigen Manne gehen, da mir besser war, denn mir jetzt ist“. (Kap. 2, 7). -
„In eine Wüste“ - ist das nicht noch immer der Weg, den Gott so manche Seele führt, die er lieb hat, die aber heimlich den Bund mit ihm gebrochen hat? Man hat die Einsamkeit das Element großer Geister genannt; aber ganz gewiss ist sie die Arznei für unreine und unheilige Herzen, wenn nur in dieser Einsamkeit der nicht fehlt, der noch immer zu seinen Jüngern spricht: „Lasst uns besonders in eine Wüste gehen, und ruht ein wenig“ (Mark. 6, 31). Sie träumten vielleicht von Genüssen, und er ruft sie zur Entbehrung; sie schmachteten nach Gemeinschaft, und er sondert sie ab nicht allein von der Welt, sondern auch von den Brüdern; sie suchten's in der Höhe, und er wies sie den Weg in die Tiefe. Warum? Vielleicht weil er uns nicht lieb hat und aus Willkür uns verweigert, was wir oft so dringend nötig zu haben glauben? Ganz gewiss nicht, sondern gerade deshalb, um uns in der Wüste enger mit sich zu verbinden, als es draußen im ruhelosen Gewühl der Welt möglich ist. Was der Herr Simon dem Pharisäer zu sagen hat, das kann frei in aller Gegenwart geschehen, aber dem ungetreuen Simon Petrus kann der Lebensfürst sich nur in einer besonderen Erscheinung ohne Zeugen mitteilen, soll anders alles gesagt und wieder gut gemacht werden.
O, meine Seele, er hat's so gut mit dir vor, wenn er dir zuruft: In die Wüste, aber mit mir! Dort spricht er dann nicht nach dem Munde, sondern nach dem Herzen dessen, der seine Liebesstimme kennt und versteht; nicht nach dem, was wir verdienen, sondern vielmehr nach unserem Bedürfnis; und er ruht nicht, bevor er aus diesem unreinen und unruhigen Herzen die große Antwort hervorgelockt hat, um die allein es ihm zu tun ist, und bei der allein der Mensch, der Sünder, der Erlöste am Ende wahrhaftig leben kann. Dort in der Wüste ist's viel freier, viel stiller, viel besser als da draußen, wo so vieles ist, was ableiten, und oft so wenig, was hinaufleiten kann. Und - wunderbare, aber herrliche Erscheinung! - jetzt bleibt denn auch die Wüste nicht mehr Wüste; mit und durch Gott wird auch sie ein Kanaan des Überflusses; und es zeigt sich aufs Neue: Sein Wort macht wieder gesund, was im Gewühl der Welt krank geworden war, und was dort keine Zeit fand, um zu sich selbst zu kommen.
Lass dir's gesagt sein, mein Bruder, der du, vielleicht als du's am wenigsten dachtest und wünschtest, von einer Stimme, der du nicht widerstehen konntest, in eine Wüste gelockt und geleitet wurdest. Der Herr hat dir dort etwas zu sagen, was du mit Beschämung anhören musst; aber wo man wirklich sich demütigen lässt, da bleibt auch der Trost nicht fern, und mitten im heißen Sand entspringt die Quelle, die man vergeblich unter dem kühlen Laub suchte. Wer kann's wissen - in der Ewigkeit danken wir vielleicht am meisten - nicht für die Oasen, sondern für die Stimmen in der Wüste, die den Weg zu unserem Herzen fanden. Der Herr weiß recht wohl, warum er uns gerade jetzt in die Wüste gelockt hat. Möchten auch wir es wissen, möchten wir zunächst allen Ernstes danach trachten, es zu erfahren! (Oosterzee, Johannes Jacobus van)