Klagelieder 1,12
Andachten
Schaut doch und seht, ob irgendein Schmerz sei wie mein Schmerz, der mich getroffen hat.
Du hast wohl dieses Wort schon einmal unter einem Bilde des gekreuzigten Heilandes gesehen, und vielleicht hat es dir auch wohl einmal etwas zu verstehen und zu fühlen gegeben. In seinem geschichtlichen Zusammenhange hat es ja unzweifelhaft einen andern Sinn; es sind Worte, die der Sänger der Klagelieder dem tief gebeugten und erniedrigten Jerusalem in den Mund legt, dem Jerusalem, welches einst die stolze Königin des Ostens war, und jetzt als verlassene und verachtete Witwe auf den Trümmern sitzt. Aber warum sollten wir denn das Wort nicht auch in noch weiterem Sinne gelten lassen dürfen von dem, der gelitten und gestritten hat, wie kein anderer, da ja nicht leicht ein Wort gefunden werden dürfte, das uns das Bild dieses Mannes der Schmerzen rührender und treffender vor Augen stellte, als dieses? Es hat einmal jemand den Schmerz einen Engel mit dunklen Fittichen genannt, und sicherlich, schon an sich selbst hat er für ein fühlendes Herz, das ihn bei andern wahrnimmt, etwas Ehrfurcht Gebietendes und Heiliges. Ein großer Schmerz, selbst bei einem geringen Menschen, erhebt unwillkürlich den, der ihn leidet, in unsern Augen, besonders, wenn er ihn unschuldig und mit Würde trägt. Aber nun erst der unvergleichliche Schmerz von ihm, dem Gottes- und Menschensohne, den wir mit so großem Rechte den Dulder ohne Gleichen nennen! - Ist's noch nötig, seinen Leidensweg vom ersten bis zum letzten Schritte mit dir zu durchschreiten, damit du fühlest, welch' eine Welt in dem Worte liegt: „Schaut doch und seht, ob irgendein Schmerz sei wie mein Schmerz, der mich getroffen hat?“ Ich weiß es wohl, es ist viel gelitten worden, und es wird noch viel gelitten auf Erden, aber, im Vergleich zu diesem Leiden, wie gut ist da doch noch das Los so mancher menschlichen Jammergestalt! Ist sonst der Schmerz wohl scheinbar in ungleichem Maße verteilt: hier auf dieses dornengekrönte Haupt ist er in seiner ganzen Fülle und Bitterkeit ausgegossen. Wie viel hat er schon äußerlich gelitten, und vor allem, wie viel hat er in seinem Innern durchlebt und erduldet! Nicht nur quälende Schmerzen des Leibes, sondern vielmehr noch unvergleichliche Seelenangst und Betrübnis - das äußerste Maß feindseliger Bosheit ohne jeglichen Freundestrost, verraten, verleugnet, misshandelt, verspottet - preisgegeben von allen, verstanden und begriffen von niemand; innerlich - und das ist das Golgatha auf Golgatha innerlich wie verlassen von Gott! Und zu alledem noch - all' die Bosheit des jüdischen und heidnischen Volkes, die sich um sein Kreuz her vereinigt hat; aber in dieser Bosheit zugleich auch der Fluch der Sünde der Welt, und in diesem Fluche das gerechte Gericht Gottes, das er freiwillig und schuldlos auf sich nahm, um uns mit seinen Segnungen zu erfüllen! Ach, sein ganzes Leben war Leiden, weil eben dies ganze Leben Lieben war; und von diesem ganzen Leben gilt darum das Wort: „Er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen“. Freiwillig eingegangen in die Gemeinschaft mit unserm gefallenen Geschlechte, hat er alle unsere Not und unsern Tod gleichsam durch sein heiliges liebendes Herz hindurch gehen lassen, und beides, im Handeln so gut wie im Leiden, alles zum Opfer gebracht, um Gott das Opfer zu bringen, welches ihm wohlgefallen konnte, das Opfer eines unvergleichlichen Gehorsams und einer unendlichen Liebe. Und nun - siehe da, seinen Lohn und seine Krone: das Kreuz mit seinem Schmerze, seiner Schmach, seinem Fluche war und das alles für ein Herz, wie das seine!
Solch' ein Opfer aber war nötig - Gottes Wort bezeugt es, und ein aufrichtiges Gewissen besiegelt es nötig, sage ich, um uns zu erlösen von allem, was unsere Sünden verdienten; durch solch' eine Tiefe musste es hindurchgehen, um uns, die wir verloren waren in uns selbst, auf die Höhe zu führen, wo das Halleluja der Erlösten erschallt! - Schaut doch, und seht, ob irgendein Schmerz sei, wie mein Schmerz, der mich getroffen hat! Es ist die Klage nicht nur der leidenden, sondern auch der verkannten Liebe. Jerusalem spricht im Textzusammenhang nicht zu ihren eigenen Kindern, die mit ihr sitzen und trauern, sondern zu denen, die an ihr vorbeiziehen, ohne ein Auge oder ein Herz zu haben für ihr Elend. Und so könnte auch unser Heiland zu allererst klagen über die Welt, in der man sein Kreuz auch jetzt noch ruhig ansieht, aber seine Kirche wie in Trümmer zusammenbricht, und wo man manchem das schmerzliche Wort sagen möchte: Er ist mitten unter euch getreten, welchen ihr nicht kennt! Nein wahrlich, sie kennt ihn nicht, die Welt, die an ihm so unachtsam vorübergeht und ihn kaum noch hasst, weil sie ihn nicht mehr ernstlich fürchtet, da es ja in ihren Augen mit ihm und seiner Sache so gut wie abgetan und vorbei ist. Hass und Schmach hat Christus schon viel mit vollen Zügen aus dem Leidenskelch getrunken, den die Welt noch immer für den Herrn der Herrlichkeit mischt; aber das, womit er bei Unzähligen vorlieb nehmen muss, das, was ihm am allerunerträglichsten ist, das ist die Gleichgültigkeit, die nicht einmal das Haupt abwendet oder schüttelt, sondern einfach an dem Kreuze vorbeigeht, von dem man ja doch nichts mehr erwartet. - Trauriges Verkanntwerden, fürwahr! Und ach, wäre dies nur das einzige, was er erfahren muss! Aber wer fühlt dem Herrn den Schmerz nach, der ihm noch immer zugefügt wird, auch von denen, die vielleicht auf ihren Lippen die Frage haben: Herr, haben wir nicht in deinem Namen dein Leiden verkündigt und deinen Versöhnungstod verherrlicht? Ich denke bei dieser Frage an die Christengemeinde unsrer Tage im Allgemeinen, die so krank. und so machtlos und dabei so jämmerlich zerteilt und zerrissen ist; ich denke an so manches Glied dieser Gemeinde, das bei allem scheinbaren Leben noch immer geistlich tot und stumpf blieb, auch bei den kräftigsten Weckrufen, und das Jesus mit gutem Grunde fragen könnte: So lange bin ich bei euch, und ihr kennt mich nicht? Aber zu allermeist gedenke ich an so viele, die mit mir hierüber trauern, aber nichtsdestoweniger selbst auf geistlichem Gebiet alles mit anhören, allem zustimmen, alles vielleicht bewundern und allem zujauchzen können, ohne im Grunde doch irgendwie an sich selbst eine Änderung zu erfahren. Und wenn in unserm Leben auch einmal eine Stunde gekommen war, wo wir mit einer Inbrunst wie nie zuvor am Kreuze gestanden oder gekniet haben und nicht allein gesehen, sondern auch geschmeckt haben, dass der Herr freundlich und gütig ist o sprich, gehören wir heute vielleicht nicht mehr zu den Freunden, die dem besten Freunde ihrer Seele gleichsam immer von neuem wieder so viele schmerzliche Wunden schlagen (Sach. 13, 6)? Aber fürwahr, wenn du bei sorgfältiger Selbstprüfung dich nicht nur schämen, sondern auch dich verurteilen musst, wie muss Er dann über uns urteilen, Er, der nicht allein sieht, sondern auch hindurch schaut bis auf den Grund jener dunkelsten Schlupfwinkel, wohin wir selbst oft kaum zu schauen wagen?.
„Schaut doch und seht, ob ein Schmerz sei wie mein Schmerz, der mich getroffen hat!“ Mit diesem Worte bleibt der König nicht unbeweglich hängen an dem Kreuze, indem er uns vorübergehen lässt; nein, der gute Hirte geht gleichsam aufs Neue aus, um seine Schafe auf ihrem Irrpfade zu suchen und unter seinem Stab zu sammeln. Sein Wort ist's, an dich gerichtet, der du ihn noch nicht erwählt hast, ihn, der doch das größte Anrecht hat auf deine Seele: Gib mir, mein Sohn, dein Herz! - Es ist sein Wort, auch an dich gerichtet, der du seine Gemeinschaft ernstlich suchst. Siehe zu, ob du noch länger dabei ruhig bleiben kannst, dass du dem etwas verweigerst, der doch vor nichts zurückgewichen ist, wo es dein Heil galt. Ach, lass es denn doch heute einmal Wahrheit werden, was vielleicht noch niemals wahr geworden war: Herz um Herz, Leben um Leben, deine Traurigkeit aus Gott (2. Kor. 7, 10) als segensreichen Tausch für seinen unendlichen Leidens- und Liebesschmerz. Diese Liebe, sie muss dich nicht nur erwecken, sondern ziehen und erquicken, und so ganz und gar gewinnen, durchdringen und erneuern, dass du um ihretwillen, wenn's nottut, von allem scheiden kannst, nur nicht von ihr.
Und hast du sie erfahren, diese Liebe des Herrn, dann bitte, dass alles dies dir wieder so frisch und lebendig vor die Seele trete, wie je zuvor; und hat vielleicht ein langer Winter über deinem Innern gelegen, und fragst du: Wie soll's da drinnen wieder Frühling werden? die Antwort ist dir gegeben in unserem Textesworte, nur mit einer kleinen Änderung: „Schaue mich an und siehe, ob wohl ein Schmerz gewesen ist wie dieser, aber auch eine Liebe wie diese!“ Auf ihn sehen, auf ihn allein, ganz und gar, unter allen Umständen entweder gibt es keinen Weg, um wirklich weiter zu kommen, oder er liegt hier. Wenn die Sonne das Eis nicht schmilzt, wird's ein künstliches Feuer vermögen? O, stelle dich so nahe wie möglich unter seinen Leben-bringenden Einfluss; reiße in Gottes Kraft auch die letzte Scheidewand zwischen Ihm und deiner Seele nieder, und lass dir's sein, als ob der Herr immer mit diesem Worte vor dich trete, du abtrünniges Herz, um dich loszureißen von Sünde und Welt; du heilsbegieriges Herz, um alle Zweifel aus dir zu verbannen; du niedergebeugtes, leidendes Herz, um dich mit allem Schmerze zu versöhnen; du einsames Herz, um dich zu fragen: Hast du denn an mir nicht genug?
O herrliches Wort, töne fort, töne fort ohne Ende in der kleinen Welt dadrinnen und in der unruhigen Welt da draußen, bis du endlich jeden Laut der Entrüstung und Klage übertönst und bis alle Erlösten in dem einen Bekenntnis übereinstimmen: Kein Schmerz und keine Liebe gleich der seinen, aber auch kein Heil und Dank, welche dem unsrigen gleich- oder auch nur nahe kämen. Und du, meine Seele, die du in jeder dunklen Nacht auf diesen silbernen Stern hingeblickt hast, erwarte in Stille den Morgen, wo der König der Ehren dich oben bei der Hochzeit des Lammes empfangen und dann noch einmal sprechen wird: „Schaue mich an und siehe!“ (Oosterzee, Johannes Jacobus van)