Jesaja 40,31
Andachten
Aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln, wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.
Wie ein Adler mit starkem Flügelschlag sich in die Höhe schwingt, so erhebt ein gläubiger Christ voll Verlangen sein Haupt zum Himmel und wartet auf seines Leibes völlige Erlösung. Es ist ein glaubensfroher und darum auch ein hoffnungsreicher Blick nach oben, in das Vaterhaus, nach der Bleibstätte, die der HErr JEsus uns erworben und bereitet hat, wo wir nicht mehr Pilgrime und Gäste, wie hier auf Erden, sondern Bürger und Hausgenossen Gottes mit allen Heiligen sein und den HErrn, an welchen wir geglaubt, auf den wir geharrt und den wir geliebt haben, ohne Ihn zu sehen, schauen werden von Angesicht zu Angesicht. Diese heilige Christenhoffnung macht, dass unser Herz klopft und unsere Brust sich hebt, in fröhlicher Erwartung des herrlichen Erbes, zu welchem wir berufen sind, in Christo Jesu, unsrem HErrn. Wer aber solche Hoffnung hat, der lässt sich durch sie zu immer größerer Treue im Trachten nach dem Himmelreich, im Jagen nach dem vorgesteckten Ziel treiben und ermuntern. Denn es heißt: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben“; und: „Wer beharrt bis ans Ende, der wird selig werden.“ Nicht gebückt sollt ihr gehen, nicht mühselig euch hinschleppen, sondern laufen; JEsu Hände, die lieben segnenden Hände, die euch so viel Gutes getan, sollt ihr ergreifen und täglich aufs Neue vor Ihm geloben: „Ja, Amen, hier sind beide Hände, Aufs Neue sei Dirs zugesagt: Ich will Dich lieben ohne Ende, Ja, alles werde dran gewagt!“ So lernen wir immer besser laufen und nicht matt werden, und wandeln und nicht müde werden. Das Harren auf den Herrn hilft nicht nur durch dieses Leben, sondern hilft auch hinauf zu Gott. Amen.(Justus Nikolaus Ripke)
Gottes Inwohnung ist der große Segen der Welt-überwinder. Siehe, mein Freund, das ist des Herrn Rat und Weg, Er will dich besitzen und beglücken. Er will mit Seinem Geiste und mit Seinem Frieden bei dir einkehren, mit köstlicher Gottesfülle, mit Erkenntnis, Weisheit und Milde will Er dich erfüllen. Darum nur leitet Er dich in die Wüste, macht Er dich los vom Erdentand, wurzelt Er dich aus der Welt aus. Heilig ist Sein Wille, gnadenvoll Sein Walten, Er ist auf dein Glück bedacht, du sollst selig sein. Treue Überwinder finden unvergängliche Lebensfreuden. Wir wollen es mit warmem Dank bekennen und bezeugen, dass uns niemand bedauern noch bemitleiden soll; der Herr ist das Teil der Überwinder. Fahre hin, o Welt, mit deinen Schäden und Vergnügungen, wir haben Besseres, Größeres gefunden. Wer in die Welt verstrickt ist, bringt dem Tode Frucht. Genieße diese Welt und ihre Lust, und du verlierst deine Zukunft und jede Hoffnung. Alles, was du hervorbringst, geht unter, sinkt in den Tod. O, dass alle Berufenen es verstehen könnten, um was es sich bei der Weltentsagung handelt! Um zu geben, nimmt der Herr. Nicht ins Elend, in ein wonnereiches Siegesleben mit wirklichen himmlischen Gütern führt Er die Begnadigten ein. Im Tränental Jesus haben, ist echte Glückseligkeit. Singet und spielet dem Herrn in eurem Herzen, ihr Überwinder der Welt, und lasset es durch das Wort eures Zeugnisses viele“ wissen, wie reich in Gott die Erlösten sind. Eine Ermunterung auf dem Lebensweg sei dir der Segen, der treuen Überwindern hienieden schon zuteil wird. (Markus Hauser)
Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln, wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.
Unser Heiland saß müde am Jakobsbrunnen und so versteht er uns aus Erfahrung, wenn wir müde sind. Das ist ein großer Trost; denn wir werden ja alle müde. Zwar hörte ich von Jemand, der sich gerühmt habe, so fromm zu sein, dass er nicht mehr müde werde. Glaube man doch solche Überspanntheiten nicht, sie zeugen von einer Unnüchternheit, die über den Heiland hinauf will, wovor uns Gott bewahre! Ich bin oft recht müde und freue mich, das Wort oft erfahren zu haben: die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft. Wenn es heißt auf den Herrn harren, so liegt ein Wink darin für die Müden, dass sie nicht weiter arbeiten, bis sie völlig erschöpft sind, sondern sich Zeit nehmen, zum stillen Harren auf den Herrn. O, es ist eine Wohltat, wenn man ein wenig aus dem Strudel und der Jagd unserer Zeit herauskommt, und im Kämmerlein in Gottes Heiligtum tritt, um ihm, der Quelle aller Kraft zu begegnen. Von ihm, dem auferstandenen Herrn, strömt neues Leben in den müden Pilger, so dass er seinen Stab wieder in die Hand nehmen, und im Namen seines Herrn weiter gehen kann. Je biblischer, das heißt, je göttlicher wir denken lernen, desto klarer erkennen wir, dass Kinder Gottes auch für ihres Leibes Bedürfnisse vor den Herrn kommen, und sich kindlich an ihn halten dürfen. Wie herrlich! im Harren auf den Herrn lernen wir auffahren wie Adler; wir lernen uns erheben über die uns lähmende Stickluft der argen Welt. Der Glaube gibt uns die Flügel. Je mehr diese Flügel Schwungkraft bekommen, desto mehr können wir uns in der Höhe halten, was Paulus den „Wandel im Himmel“ nennt. so ziehen wir Gotteskraft an zum Laufen und Wandeln, zum Ausrichten der Aufträge des Meisters. Er reicht uns für jeden Gang so viel Kraft, als wir brauchen für die uns von ihm gestellten Aufgaben; er überfordert uns nie.
Herr! stärke Du die Flügel meines Glaubens zum Auffahren. Wie oft hast Du auch mir neue Kraft gegeben, wenn ich auf Dich harrte und mich gestärkt, wenn ich müde war. Ich kann Dich nicht genug loben und preisen. Amen. (Elias Schrenk)
Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.
Aller Welt Herrlichkeit und Glückseligkeit ist nicht zu vergleichen mit der Hoffnung des Volkes Gottes. Denn die Ungläubigen und Gottlosen mögen sich hier groß dünken, reich, mächtig und glücklich sein. Aber sie sind doch die allerarmseligsten Menschen, weil sie keine Hoffnung haben (1. Thess. 4, 13). „Es ist noch um ein Kleines, so ist der Gottlose nimmer, und wenn du nach seiner Stätte sehen wirst, so wird er weg sein“ (Psalm 37, 10). Der Christ aber hat eine große, selige Hoffnung, die Hoffnung, dass sein Herr und Heiland bei ihm ist mit seinem Trost und - seiner Hilfe. Und ob er mit seiner Hilfe verzieht: einst kommt er gewiss in seiner Herrlichkeit, sei's im letzten Stündlein, sei es am letzten Tage der Welt, um uns zu erlösen von allem Übel, und uns auszuhelfen zu seinem himmlischen Reich. Und diese Hoffnung gibt uns nicht nur Geduld und Trost im Leiden. Sie gibt uns auch immer neue, jugendliche Kraft, dass wir auffahren mit Flügeln wie Adler, in freudiger Andacht zu Gott zu nahen, und im Gebet bei ihm Trost, Freude und Hilfe finden. Diese Hoffnung stärkt uns, dass wir laufen in unsern Berufswegen und in dem Kampf, der uns verordnet ist, und nicht müde werden, dass wir wandeln in Gottes Geboten, und nicht matt werden.
Lasst uns beten: Herr Gott, lieber himmlischer Vater, siehe wir nahen uns zu Deinem Gnadenthron in dieser Abendstunde, da uns die Finsternis umgibt, und flehen Dich um Deinen Beistand an. Du weißt das stille, verborgene Verlangen unseres Herzens, und Deine Barmherzigkeit will uns unsere Bitte nicht versagen, wenn wir unsere Hände und Herzen zu Dir erheben. Das ist ja das Vorrecht Deiner Kinder, dass wir in den Stunden der Trübsal und der Traurigkeit zu Dir kommen können, und wenn wir nicht mehr rufen können, so vertritt Dein Geist uns mit unaussprechlichem Seufzen. Darum erfülle Du unser Verlangen. Gib uns Deinen Heiligen Geist, der uns leite, regiere und führe, dass wir ein neues Leben anfangen in dieser heiligen Zeit, und darin bis ans Ende beharren. Reinige unsere Herzen von aller Untugend, dass Dein Sohn bei uns wohne, bis wir bei Dir sind, und Dich schauen von Angesicht. Amen. (Alfred Meyer)
Die auf den Herrn harren kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.
Gan Das ist eine köstliche Verheißung, an der du dich laben mögest, wenn du im Kampfe gegen die Feindschaft der Welt, gegen die Leidensscheu deines Fleisches, gegen die Anläufe des Teufels und vor Allem gegen die Trägheit deines Herzens zu ermatten beginnst, und wenn die Wogen der Trübsal hoch und die Wasser dir bis an die Seele gehen, und du in der Drangsalshitze zu erliegen meinst. Dann gedenke der Adler, denen auch das Gefieder jährlich ausfällt, und die dann matt am Boden liegen und die Schwungkraft verloren haben. Liegst auch du so am Boden, matt, niedergeschlagen und mutlos, mit ausgefallenen Schwungfedern, dann verzage an deiner Kraft und harre des Herrn. Aber siehe, wie ein Adler, wenn er sein verjüngtes Gefieder hat, auffährt und über allen Vögeln und allen Kreaturen erhaben in blauer, klarer, kaum sichtbarer Himmelshöhe ruhig und majestätisch schwimmend seine wunderbaren Kreise zieht, wie er auf himmelhohen Felsen, die kein Tier und kein Mensch erreichen kann, sicher seinen Horst baut und seine Jungen brütet, siehe, so sollst du, wenn du des Herrn harrest, aus aller Trübsal dieser Welt und aus allem Irrsal des eigenen Herzens, aus allem Herzenselend und Erdenjammer mit neuer, ewiger Kraft auffahren als mit Flügeln, zu jenen lichten Höhen des himmlischen Heiligtums, da unser Herr Jesus ist, ein Verwalter der himmlischen Güter, und in jenen Höhen leben und schweben, zu denen kein Zweifel und kein Teufel folgen kann, und auf dem Himmelsfelsen des Herzens Jesu dein Nest bauen, Trost, Stärkung und Frieden finden, die uns die Welt nicht geben und nicht nehmen kann. Und das Alles mitten in dieser Welt des Streites und der Angst, des Kummers und des Jammers! Ei, wie solltest du da nicht gerne auf den Herrn harren, auf den Herrn, der durch seine Barmherzigkeit und Treue aus aller Trübsal erlöst, von allem Drucke befreit, allen Jammer stillt und alle Wunden heilt, der die müden Hände und die strauchelnden Knie wieder stärkt und aufrichtet, dass wir wieder gewisse Tritte tun können, der zum Lebensöle immer aufs Neue zugießt, der, ob auch unser äußerlicher Mensch verwest, doch den innerlichen von Tag zu Tage erneuert, und verschafft, dass unsere Trübsal uns äußerlich und leicht erscheint, dass wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare und harren einer ewigen und über alle Maßen wichtigen Herrlichkeit. Ja, die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffliegen wie die Adler, und ob sie schon grau werden, die Hand zitternd und der Fuß wankend, so kriegt doch der inwendige Mensch neue Kraft und Jugendfrische, und wenn das Haus dieses Leibes als ein morscher Bau zusammenbricht, dann schwingt sich die verhängte und erlöste Seele zu den ewigen Höhen und lässt dahinten und hier unten alle Müdigkeit und Schwäche und bleibt in nicht zu störender und unvergänglicher Frische vor dem Angesicht dessen, dessen Schöne und Treue sie schon auf Erden mit unwiderstehlicher Kraft zu sich gezogen und an sich gefesselt hatte. (Anton Camillo Bertoldy)
Die auf den Herren harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.
Jeder Christenmensch, der sich an der Gnade des Herrn genügen lässt, der wird es auch erfahren, dass die Kraft Christi in ihm wohnt, dass er auffliegen kann, wie ein Adler, dass er laufen darf und wird nicht matt, dass er wandeln darf und wird nicht müde. Das hat in seinem Beruf und Werk der Apostel Paulus gar herrlich erfahren. Er sagt von sich selbst in unsrer Epistel, dass er mehr gearbeitet hat, als Andre; und die Gemeinden alle, die durch seine Predigt zu der großen Herde Jesu Christi hingeführt sind, beweisen es uns, wie gewaltig die Kraft Christi in ihm gelebt hat. Aber er weiß es selbst, dass alle diese Kraft eine Gnade des Herrn ist. Dass er das Evangelium unter den Heiden verkündigen darf, nennt er selbst eine Gnade (Eph. 3,8). So konnte der Apostel ausfahren wie ein Adler, so konnte er laufen und wandern, und mit ihm ist die Kraft Jesu Christi gelaufen, und das Evangelium vom Kreuz ist mit ihm gewandert. - Und wie Paulus, so auch wir. Auch dir ist die Kraft des Herrn nahe in allem Arbeiten und Schaffen deines Berufes. Wenn es gilt, an der eignen Seele zu wirken und gegen den alten Adam zu kämpfen, dann steht die Kraft Christi dir zur Seite und spricht: „Ich stärke dich, ich helfe dir auch.“ Und gilt es, für das Reich Gottes die Füße zu regen und das Evangelium weiter zu tragen, dann steht Christus bei dir, wie er bei seinen Jüngern stand, und er spricht zu dir: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir.“ Dann wachsen uns die Flügel, und wir fahren himmelwärts, dass unsre Seele Ruhe finde bei Jesu im Licht; dann werden unsre Schritte gekräftigt, wir laufen und wandern, dass das Wort Gottes weiter getragen werde, und die müde Seele wird erquickt, und der Herr gibt Stärke genug dem Unvermögenden. So gibt der Herr Kraft für unser Tun und Wirken.
Lasst uns beten: Wir blicken auf zu Dir, allmächtiger Herr und Gott, und harren auf Deine große Kraft. Lass Deine Gnadenströme auf uns herniederfließen, dass wir all unser Tun und Werk mit himmlischer Macht treiben. Gnädiger Gott, gib uns rechte Flügelkraft und stärke die Tritte unsrer Füße, dass wir für unser Seelenheil arbeiten, so lange es Zeit ist; dass wir nach dem Himmel zu eilen, so lange es noch möglich ist. Lass uns auch nicht matt werden, wenn wir für Dein Reich wirken; segne unsre Wege, dass unsre Füße laufen, für Dich zu wirken, so lange es Tag ist. Auch die Stunden dieses Tages schirme unser Tun und Lassen mit Deiner Kraft. Amen. (Wilhelm Hunzinger)
Die auf den Herrn hoffen, empfangen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie die Adler, dass sie laufen und nicht erliegen, dass sie wandeln und nicht müde werden.
In dem Kranze lieblicher Erzählungen, welche die Kindheits-Geschichte unseres Herrn umrahmen, ist eine der schönsten diejenige vom alten Simeon. Ein hochbetagter Greis und doch noch jugendlichen Geistes! Durch alle Wechsel des Lebens, durch alle seine schmerzlichen Erfahrungen hindurch hat er sich zu bewahren vermocht einen ungebrochenen hoffnungsfreudigen Geist, das Reich der Ideale, die Begeisterung für Religion und Vaterland. Was von Jugend auf seine Seele erfüllte und erhob, das waren die herrlichen Verheißungen, die Gott seinem Volke gegeben, der Glaube an eine große Zukunft seines Volkes, an einen Heiland, der ihm Erlösung, Gerechtigkeit und Frieden bringen werde, ja der bereitet sei nicht bloß zum Preise seines Volkes Israel, sondern auch ein Licht, zu erleuchten die Heiden. In diesem Glauben lebt seine Seele, bleibt sie jung auch im Alter und hält auch noch den gebrechlichen Leib aufrecht bis zu dem Augenblick, da Gott ihn noch das ersehnte Heil schauen lässt. Er schaut es, freilich nur in Gestalt eines Kindes, eines hilflosen Kindleins, das von Feindschaft umlagert ist und durch schwere Entscheidungskämpfe seinem Ziel entgegenringen wird. Aber er schaut es dennoch als ein siegreiches, die Völker der Erde beglückendes und befreiendes. Und dieses Glück, diese Hoffnung noch erfüllt zu sehen, das vergoldet nun wie glühendes Abendrot die Schatten seines Alters, das lässt ihn den Tod nicht mehr als Tod empfinden, als Trennungsschmerz und Vernichtungskampf, nein, als seligen Heimgang zur Ruhe Gottes. Ja das ist ein schönes Sterben, schöner, seliger als das Sterben jenes Greises, dem die Freude über den Sieg seines Sohnes raschen Tod bereitet, oder jenes Helden, der seinen Wunden getrost das Blut entströmen lässt, weil man ihm berichtet, dass die Schlacht gewonnen sei! Hier ist es nicht bloß äußerer Sieg und Triumph, hier sind es Heil und Frieden der Seele, die ihr Freudenlicht breiten über das Antlitz des Sterbenden, die ihn aus tiefster Seele sprechen lassen: Herr, nun lässt du deinen Diener im Frieden hinfahren.
Ach, dass auch ich so scheiden könnte, wie Simeon! Und warum solltest denn du nicht auch so scheiden können? Du sprichst: Es ist ein so großer Unterschied zwischen ihm und mir! Nur eine einzige Ähnlichkeit vermag ich zu erkennen, dass wir Beide alt, gebrechlich, gereift für den Schnitter sind, aber sonst ist Alles anders! Mein Lebensabend ist nicht vergoldet von der glühenden Farbe der Hoffnung, er ist umhangen und verdüstert von dem schweren Gewölk der Sorgen, Schmerzen und Bekümmernisse. Ich habe ja ein so trauriges Alter, von Gebrechen gedrückt, von den Menschen verlassen, von Not und Armut umgeben. Arm und einsam steh' ich da, müde dieses Lebens, das mir so wenig gegeben, aber Alles genommen hat, und je bälder, desto lieber möcht' ich mich zur Ruhe legen. Doch sei nicht undankbar, mein Lieber! Weißt du denn, was der alte Simeon erlebt und erfahren hat? Wie einsam, arm und gebrechlich er vielleicht in seinen greisen Tagen dasteht? Und doch ist er noch jugendlicher und freudiger Begeisterung voll. Und warum denn, das? Darum, weil er nie sich verloren hat bloß in den kleinen irdischen Sorgen und Schmerzen seines Lebens, weil er vielmehr aufwärts geschaut hat zu Gott und seinem ewigen Heil, zu den Verheißungen der Propheten, zu dem herrlichen Ziel, das er durch dieselben seinem Volke, ja den Völkern der Erde vorgezeichnet sah. Er lebte mit seinem Geiste nicht nur in dem engen Kerker seiner nächsten persönlichen Nöten und Bedürfnisse, sondern schaute freien und weiten Blickes hinaus auf die großen Bahnen des Heils, auf welchen Gott sein Volk, auf welchen er die Menschheit zum höchsten Ziele führt. Und das erhielt ihn jung bis ins Alter; das erhielt ihn aufrecht, bis er den Heiland geschaut, und ließ ihn selig sterben, als er ihn geschaut. Das, du lieber, alter Freund, wird auch dich jung erhalten, fröhlich ausharren, selig sterben lassen. Schaue auch du empor von deinen kleinen irdischen Sorgen und Nöten zu dem ewigen Gottesreich, zu der Weisheit und Güte deines himmlischen Vaters, die dir in der Regierung der Welt, in der Erziehung der Menschen, in deinem eigenen Leben und Schicksal begegnen. Wahrlich, du hast es besser als Simeon, du hast den Heiland schon längst geschaut, von Kindheit auf hast du ihn geschaut, da er in den Lichtern und Freuden des Weihnachtsfestes seinen lieblichen Glanz über dich ausbreitete, und hast ihn wieder und wieder geschaut in seinem teuren Evangelium, durch welches er deinen Geist erleuchtet, dein Gewissen gestärkt, dein Herz getröstet und dir die Vergebung der Sünden dargeboten hat. Du hast ihn geschaut, den Heiland, nicht nur wie Simeon, in seinen ersten schwachen Anfängen, nein, in seinem Siegesgang durch die Welt, in seiner Herrschaft über die Welt, du schaust immer noch, wie es aufwärts und vorwärts geht in der Welt mit deinem geliebten Volk, an allen Enden der Erde, vorwärts in Erkenntnis, in Freiheit und Verbrüderung. Du darfst schauen, dass die Verheißungen Gottes kein Trug sind, sondern der Erfüllung entgegengehen, und das Abendrot der Hoffnung verkündet dir noch sicherer als dem alten Simeon den Tag, da die große Gnadensonne Gottes Alles erfüllen und beseligen wird mit ihrem Glanz. Ja, schenke mir, Gott, ein Herz des Glaubens, gleich Simeon, aufwärts zu schauen auf dein Heil, ein Herz der Liebe, zu leben in dem, was dem Volk, was meinen Brüdern frommt, ein Herz der Hoffnung, das sicher und getrost in deiner Verheißung ruht. Gib meinem Geist auch im Alter ewige Jugend, denen gleich zu sein, die auf den Herrn trauen, die da laufen und nicht matt werden, wandeln und nicht müde werden, die da neue Kraft kriegen, dass sie ausfahren mit Flügeln, wie Adler. Ja lass auch mich einst scheiden mit dem Worte Simeons: Herr, nun lässt du deinen Diener im Frieden hinfahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben dein Heil gesehen. Amen. (Robert Grubenmann)