Sprüche 22,2

Sprüche 22,2

Andachten

Reiche und Arme müssen unter einander sein, der Herr hat sie Alle gemacht.
Halten wir allein Wohlbefinden und Freude für das eigentliche und höchste Ziel des Menschen, so bleibt freilich wenig Hoffnung, uns mit der Gerechtigkeit Gottes in diesem Stücke auszusöhnen. Alsdann aber müssen wir uns auch einen anderen Anführer unseres Glaubens als Christum erwählen und einer anderen Lehre folgen, als der, welche sich nicht scheut, jede Aufopferung zu verlangen, sobald es die Gelegenheit mit sich bringt. Sind wir aber Christen, welche über diese Sache gelassen nachdenken können, so lasst uns untersuchen, ob denn der, welcher herrlich lebt, auch wirklich so viel Freude hat, als es scheint, und der Arme so viel Pein. Gehet doch hinein in das Haus des Reichen und betrachtet sein Leben in der Nähe; seht ihn gedrückt von dem Zwange, dem das gesellschaftliche Leben um desto weniger entgehen kann, je höher wir hinaufsteigen; seht ihn erliegen unter so vielen Anstalten zum Vergnügen, welche er umsonst trifft, denn Zeit und Gewohnheit haben den schönsten Reiz desselben abgestumpft, und er erblickt fast nichts mehr darin, als die einförmige Wiederholung derselben Handlung; seht auch ihn nicht minder als Andere voll Missmut über seine vergeblichen Bemühungen und voll ebenso vergeblicher Wünsche. Wendet euch nun dagegen zu dem Unglücklichen und seht, wie diesem eben dasjenige zu Statten kommt, was jenen herabsetzt. Zeit und Gewohnheit, das sind die treuen Freunde, welche die Last des Elends größtenteils von seinen Schultern nehmen. Seht wie zum Verwundern wenig er zu leiden scheint von dem, was uns, wenn es uns in diesem Augenblick überfiele, unerträglich sein würde; wie das Unglück den Wert geringfügiger Freuden, welche dazwischen Platz finden, vergrößert, und wie Manches, was wir und viele Andere übersehen, sich für ihn in einen wichtigen Beitrag zur Zufriedenheit verwandelt, und zwar nicht vermöge einer besonderen Weisheit, sondern nur vermöge der Natur der Sache und der allgemeinen Eigenschaften des menschlichen Gemütes. Zeigen nun die äußersten Enden des menschlichen Schicksals schon eine solche Gleichheit, so wird sie in der Mitte gewiss noch sicherer zu finden sein, und wir werden bekennen müssen, dass das Maß des Angenehmen im menschlichen Leben und sein Übergewicht über das Unangenehme nicht von Armut und Reichtum, von hohem und niedrigem Stande abhängt, sondern in allen diesen Fällen ziemlich gleich sein wird, wenn nicht die eigene Weisheit oder Torheit des Menschen den Ausschlag gibt. Dies aber ist Alles, was wir bedürfen um das Wesen der göttlichen Gerechtigkeit zu erblicken. Doch Christen sollten am wenigsten bei den bloß sinnlichen Vorzügen des Reichtums und des höheren Standes stehen bleiben: es gibt andere, die auf die höhere Glückseligkeit des Menschen einen bedeutenden Einfluss zu haben scheinen. Der Eine wird erzogen in milden und freundlichen Sitten, welche die Quelle vieler Ungelegenheiten verstopfen und alles Unvollkommene, selbst die Ausbrüche der Leidenschaften, welche Anderen so oft gefährlich werden, sanfter und unschädlicher machen; ihm stehen die Freuden eines gebildeten Verstandes und eines verfeinerten Geschmacks offen. Ein Anderer entbehrt dies Alles; er ist zur Unwissenheit, zur schlichten Einfalt verdammt und kann von seinem ganzen Wesen eine gewisse Rohheit nicht abschleifen. Aber lasst uns nur gestehen, dass für Jenen mit den Veranlassungen zur Freude auch die Ursachen des Schmerzes sich mehren, mit den Bequemlichkeiten auch die Bedürfnisse und Entbehrungen, mit den geistigen Genüssen auch die Verlegbarkeit und Empfindlichkeit des Gemüts; zu jeder neuen Türe, welche der Freude geöffnet wird, schleicht ganz unbemerkt auch die Klage, der Missmut und die Beschwerde herein. Je einfacher und ungekünstelter dagegen die Freuden des Lebens sind, desto weniger Beschwerden werden auch empfunden, und desto leichter werden diese wenigen ertragen. So werden wir es finden, wenn wir die Lebensweise der verschiedenen Stände in der Gesellschaft und der verschiedenen Völker auf Erden vergleichen; alle äußeren Umstände können zwar auf die Art und Gestalt der menschlichen Zufriedenheit einen Einfluss haben, aber nicht auf den Grad derselben. Die äußeren Umstände - das werden die Meisten vielleicht nach einer unparteiischen Überlegung zugeben: aber die inneren Verhältnisse, die eigentümliche Mischung der Seelenkräfte und die natürliche Beschaffenheit des Gemütes? Und doch möchte für das, was man Glückseligkeit nennt, bei jedem Tausch wenig zu gewinnen sein. Wolltet ihr reizbarer, empfindlicher sein: ihr würdet lebhaftere Vergnügungen genießen, aber ihr würdet auch Schmerzen kennen lernen, von denen ihr jetzt keine Vorstellung habt. Wünscht ihr kälter und gleichgültiger zu sein: ihr würdet euch manches Leiden ersparen, aber auch an der Summe eurer Freuden verlieren. Alles ist gleich unter der Sonne, so muss derjenige ausrufen, der das menschliche Leben von allen Seiten aufmerksam betrachtet hat, Alles ist gleich bis auf dasjenige, was der Mensch selbst hinzutut oder davon nimmt. Gibt es Menschen, welchen nur die Laufbahn angenehm erscheint, in der sie selbst wandeln, und Andere, welchen die ganze Welt glücklich zu sein scheint, nur sie und ihres Gleichen nicht: so werden beide von ihrer Kurzsichtigkeit hintergangen. Wer einem Anderen seine natürliche Gemütsbeschaffenheit beneiden kann, gibt zu erkennen, dass er entweder die seinige nicht zu beherrschen, oder die fremde nicht zu beurteilen versteht. (Friedrich Schleiermacher)

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