Sprüche 21,10
Andachten
„Die Seele des Gottlosen wünscht Arges und gönnt seinem Nächsten nichts.“
Unter allen bösen Neigungen ist keine so allgemein und doch so garstig, als der Neid. Ein gütig Herz, sagt der Weise des alten Bundes, ist des Leibes Leben, aber Neid ist Eiter in den Gebeinen. Spr. 14, 30. Man hält ein Gefühl von Unmut für natürlich und gerecht, wenn der Darbende den Begüterten, der Niedrige den Hohen, der Kranke den Gesunden, der Elende den Glücklichen betrachtet; wenn wir die Geschenke des Glücks oft so unverdient ausgeteilt, die Begebenheiten der Welt dem Laster oft zum Vorteil gereichen sehen; wenn ein Unwürdiger und Schlechter zu Rang und Ehren emporsteigt, der Rechtschaffene und Tüchtige aber im niedrigen Dunkel verbleibt; wenn ein Verschwender und Lüstling Reichtümer erlangt und herrlich und in Freuden lebt, der tätige, anspruchslose Mann aber kaum das tägliche Brot gewinnen kann; wenn dem Betrüger und Toren die bösesten Entwürfe gelingen, dem Vorsichtigen und Gerechten aber fast Alles fehlschlägt. Aber an diesen Unmut knüpft der Neid gar zu leicht seine schwarzen Fäden, besonders wenn Selbstsucht und Eigendünkel hinzutreten, der Mensch eine zu hohe Meinung von sich hegt und sich für den vom Schicksal Versäumten und Vernachlässigten hält. Aber wer verdient denn das, was er besitzt? wer hat denn ein Recht, von Gott mehr zu verlangen, als er ihm gegeben hat? Ist nicht alles das Geschenk seiner großen Güte und Barmherzigkeit! Und wollen wir darum scheel sehen, weil Gott gegen Andere so gütig ist! Nein, ich will über mich wachen, dass die böse Neigung des Neides nicht mein Gemüt beschleiche, dass ich, zufrieden mit dem Lose, das mir Gott beschieden, nicht mit missgünstigem Auge auf die größeren Güter meines Nachbarn schaue, dass ich mich freue über die Vorzüge, die mein Nächster besitzt, und über das Glück, das er genießt, dass ich auch bei Mühe, Entbehrung und Missgeschick dankbar bin gegen meinen himmlischen Vater. Er gibt mir ja doch aus lauter Gnade unendlich mehr, als ich verdiene. Das lass mich in Demut erkennen, du lieber himmlischer Vater, und gib mir ein genügsames und zufriedenes Herz. (Christian Wilhelm Spieker)