Sprüche 13,12
Andachten
Die Hoffnung, die sich verzögert, ängstigt das Herz; wenn es aber kommt, das man begehrt, das ist ein Baum des Lebens.
„Noch immer will's nicht Frühling werden“ wie oft haben wir diesen Seufzer gehört und auch selbst ausgestoßen! Gar manche kranke Brust schmachtet nach einem milden Lüftlein, aber Woche auf Woche weist die Wetterfahne auf dem Turme unerbittlich nach Norden; gen Osten muss das Schiff, aber der Wind ist wie nach Westen gefesselt. Ich habe einen Freund, der seit Jahren zu seinem Lebensspruch sich das lateinische Wort „nondum“ („noch nicht“) erwählt hat; die Wahl ist gewiss ein Beweis von vieler Erfahrung. Einer unserer hochgefeierten Dichter hat als Endergebnis seiner Erfahrungen geschrieben: Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle; aber ganz gewiss, hätten auch die meisten die gleiche Erfahrung gemacht, zwischen dem Frühling des Begehrens und dem Winter der Erfüllung liegt doch in der Regel ein Sommer und ein Herbst oft vergeblichen und meist nicht angenehmen Wartens. Hoffnung gibt Lebensmut, gewiss, aber die Hoffnung, die sich verzieht, ängstiget das Herz, das heißt, sie macht es innerlich krank im eigentlichen Sinne des Wortes.
Wäre es auch nur um dieses Wortes willen, so verdiente doch der Dichter der Sprüche ein vortrefflicher Menschenkenner zu heißen. Auch wo die Hoffnung nicht ewig unerfüllt bleibt, wie viele bange Stunden vergehen zwischen Wunsch und Erfüllung, wieviel dunkle Nächte, worin wir stets das holde Morgenrot zu sehen glauben, und doch nichts als Dämmerung und immer wieder Dämmerung verspüren. Wer hat das mehr erfahren als Sarah, die ihre besten Jahre in der Erwartung des verheißenen Sohnes verlor; als Jakob, der sich in seiner langgehegten Hoffnung auf Rahels Hand so bitter getäuscht sieht; als Joseph, da er vergessen in jenem Kerker in Ägypten lag; als David, da er so lange in der Wüste weilen, oder endlich als Schattenkönig in Hebron regieren musste, bevor er den Thron zu Jerusalem bestieg; als mit einem Worte so viele Gläubige alter und neuer Zeit, deren Losung immer wieder in dem einen Worte: Warten! ausgesprochen war! So vergeht die Lebenszeit unter endlosem Suchen nach dem, was man für das wahre Leben hält: und zuletzt fühlt man dunkel aber tief - allein noch dies: das Warten und das Leben sind zweierlei Dinge; und erst dann, wenn das kaum noch Begehrte endlich doch noch kommt, darf das befriedigte Begehren für uns in gewissem Sinne ein Baum des Lebens, der Quell paradiesischen Glückes heißen.
Und solch ein Leben, ist das wirklich lebenswert, ja ist es wirklich möglich, es zu fristen? Würde unser Dasein nicht viel höheren Wert besitzen, wenn solche dürren Steppen unerfüllter Erwartungen einen weniger großen Platz darin einnähmen, und darf man sich nicht unwillkürlich beklagen, dass so mancher die köstliche Frucht des Lebensbaumes, wenn schon auf Erden, so doch in der Regel nicht früher als in seinen letzten Tagen pflückt? So könnte es scheinen und so würde es auch wirklich sein, wenn Genuss der höchste Lebenszweck wäre, und jeder Tag, der zwischen Hoffnung und Genuss vergeht, ein unwiederbringlicher Zeitverlust. Aber Gott sei Dank, wir wissen Besseres und mehr, wenn wir nämlich im Lichte dessen wandeln, der mehr ist als Salomo. Nicht so viel, so lang, so ungestört wie möglich zu genießen, sondern hier herangebildet zu werden für einen höheren, unendlichen Genuss, das ist die wahre Lebensaufgabe; der sinnliche Mensch möchte sich wohl zwei Himmel wünschen, einen hier und den anderen dort oben; ach, er würde für beide unbrauchbar, wenn dieser törichte Wunsch erhört würde. Verzug des Gehofften ist nicht durchaus ein Unglück; das wird er erst, wenn die scheinbar verlorene Zeit missbraucht wird; sonst aber kann auch das, was das Herz kränkt, Arznei für die Seele werden. Und muss nicht grade der Verzug den Wert des Genusses erhöhen? Würde, um einen Namen noch einmal zu nennen, Sarahs Mutterglück je so hoch gestiegen sein, wenn Isaak zehn Jahre früher geboren wäre? Das ist klar, es gibt keinen köstlicheren Gewinn, als den, der aus Verlust hervorgegangen ist; keinen erquickenderen Lebensbaum, als den, der langsam und im Stillen aufgewachsen ist. Das schmerzliche „Noch nicht“ hier auf Erden wird das Vorspiel des seligsten „Halleluja“ dort oben, das hier gekränkte Herz wird gerade dadurch das geheilte, das von Wonne überströmende. Das höchste und heiligste Verlangen aller Kinder Gottes wird am Ende wie eine schwellende Knospe, die nur noch auf das Geheiß sich zu entfalten wartet; entfaltet sie sich endlich, so strömt der Himmelsduft nach allen Richtungen hin aus, und Himmel und Erde ist es offenbar, dass der Baum des Lebens im Grunde nichts Geringeres war, als der Christus Gottes in seiner vollen Herrlichkeit für alle, die da glauben. Das Warten auf die Erfüllung der Hoffnung, auf dieses Heil, wird dann endlich nur eine Ursache mehr zur Danksagung. (Oosterzee, Johannes Jacobus van)