Psalm 5,11
Andachten
All solche Abschnitte, darin wir scheinbar Rache schnaubende Gebete finden, sind einfach aufzufassen als der Ausdruck der Zustimmung gerechter Seelen zu der Gerechtigkeit Gottes, der um der Sünde willen Rache übt. Auch wenn wir diese Worte Davids prophetisch als Worte Christi auffassen, sind sie nichts anderes als ein Echo der schließlichen Zustimmung des fürbittenden Weingärtners zu dem Urteil über den unfruchtbaren Feigenbaum (Luk. 13, 9). Es ist als riefe er laut: „Haue ihn nun ab! Ich werde nicht mehr ins Mittel treten. Das Urteil ist gerecht. Schuldige sie, Gott, lass sie ihre Schuld büßen; stoße sie aus um ihrer großen Übertretungen willen, denn sie sind dir widerspenstig!“ Und im selben Augenblick können wir uns ihn denken, wie er seine Heiligen einlädt, in sein Endurteil mit einzustimmen, gerade wie die Stimme des Engels Offenb. 18, 20 nach der Verkündigung von Babels Fall erschallt: „Freue dich über sie, Himmel und ihr Heiligen und Apostel und Propheten; denn Gott hat euer Urteil an ihr gerichtet!“ So kann auch ein Glied Christi in voller Übereinstimmung mit dem Haupte den unfruchtbaren Feigenbaum vom selben Gesichtspunkt aus ansehen und in der Erkenntnis, dass die Ehre Gottes es nicht anders zulässt, als dass der verhängnisvolle Streich geschieht, ebenfalls ausrufen: „Lass die Axt ihn fällen!“ Hätte Abraham an der Seite des Engels gestanden, der Sodom verdarb, hätte er gesehen, wie die Heiligkeit des göttlichen Namens den Untergang dieser unbußfertigen Empörer gebieterisch forderte, so würde er ausgerufen haben: „HErr, lass das Verderben über sie kommen, lass das Feuer und den Schwefel Schwefel auf sie fallen!“ und das nicht im Geist der Rachsucht, nicht aus Mangel an erbarmender Liebe zu den Seelen dieser Menschen, sondern aus dem tiefen Ernst seines Interesses für die Ehre Jehovas. Wir halten diese Deutung für den richtigen Schlüssel zum Verständnis all der sogenannten Rachepsalmen. Diese sind nur gleichsam eine Ausführung von 5. Mose 27, 15-26: „Und alles Volk soll sagen: Amen.“ Wir sehen in solchen Psalmen, wie die Gottesfürchtigen in des HErrn Gesinnung eingehen, wie sie seinen Gräuel an der Sünde nachempfinden und sich über den Vollzug der göttlichen Gerechtigkeit freuen, wie das in dem Amen, Halleluja in Offenb. 19, (vergl. V. V. 1-3) so feierlich zum Ausdruck kommt. Andrew Alexander Bonar 1859.
Herr, wenn ich in meiner täglichen. Andacht Davids Psalmen lese, gib mir Gnade, dass ich meine Seelenstimmung stets ihrem verschiedenen Inhalt anpassen könne. Wo David seine Sünde bekennt und deine Vergebung erfleht, wo er für empfangene Gnaden dankt oder um neue Beweise deiner Huld bittet, da gib mir, dass meine Seele sich hoch aufschwingen könne. Aber wenn ich zu solchen Psalmen komme, wo David seinen Feinden flucht, dann hilf mir, meine Seele beschwichtigen. Jene Worte ziemten sich wohl in Davids Mund; aber ich fühle, dass es mir an der rechten Gesinnung fehlt, dass ich sie nicht im selben Geist aussprechen könnte. Lass mich nicht mir schmeicheln, es sei mir erlaubt, gleich David deinen Feinden zu fluchen; es möchte sonst mein betrügliches Herz meine Feinde für deine ansehen und so, was bei David Gottesfurcht war, sich bei mir als Bosheit erweisen, indem ich unter dem Schein der Frömmigkeit Rache übe. D. Thomas Fuller † 1661.