Psalm 2,8
Andachten
Heische von mir: darin ist das Priestertum Christi angedeutet. Der Psalm spricht V. 7 von Christi Einsetzung ins königliche Amt; der Schreiber des Hebräerbriefes aber bezieht das hier gesagte auf Christi Priestertum. Seine Bevollmächtigung zu diesen beiden Ämtern ist zur gleichen Zeit erfolgt, und beide sind ihm von derselben Gewalt verliehen und bestätigt worden. Sein Amt des Bittens beruht auf derselben Vollmacht, wie seine Königswürde. Nach seiner Auferstehung hat der Vater ihm Macht und Befehl zu bitten gegeben. Steph. Charnock † 1680.
Wie der Porträtmaler auf die Person sieht, deren Bild er aufnehmen will, und die Linien so zeichnet, dass dasselbe dem Modell so völlig als möglich entspreche, so sieht Gott auf Christum als das Urbild, welchem er die Heiligen gleichförmig machen will, im Leiden, in der Gnade (Luk. 2, 52) und in der Herrlichkeit; doch so, dass Christus in allem den Vorgang hat (Kol. 1, 18). Jeder Gläubige muss durch Leiden, weil Christus gelitten hat. Es geht nicht an, dass Christus einen zärtlichen, leidensscheuen Leib unter einem gekreuzigten Haupte habe. Doch hat nie jemand gelitten oder leiden können, was Er erduldet hat. Christus ist heilig, darum muss auch jeder Gläubige heilig sein, allerdings in untergeordnetem Grade, denn ein in Ton geformtes Bild kann nicht so scharf sein, wie ein in Gold geprägtes. Unsere Gleichförmigkeit mit Christo erscheint nun auch in folgendem: Wie die Erfüllung der ihm gegebenen Verheißungen auf sein Bitten zum Vater ihm zuteilwird, so werden auch die den Seinen gegebenen Verheißungen auf dieselbe Weise, nämlich auf ihr Bitten hin, erfüllt. Heische von mir, sagt Gott zu seinem Sohne, so will ich Dir geben. Und Jacobus sagt uns (4, 2): Ihr habt nicht, darum dass ihr nicht bittet. Gott hatte Christo Unterstützung in allen seinen Kämpfen zugesagt (Jes. 42, 1: Siehe, das ist mein Knecht, ich erhalte ihn); dennoch flehte er mit starkem Geschrei und Tränen (Heb. 5, 7), als seine Füße im Schatten des Todes standen. Ein Same war ihm verheißen und Sieg über alle seine Feinde; dennoch betete er um beides. Uns gegenüber handelt Christus als König, aber dem Vater gegenüber als Priester. Alles, was er zu Gott spricht, ist Gebet und Fürbitte. So machen Gottes Verheißungen auch die Gläubigen zu königlichen Beherrschern ihrer Lüste und zu Siegern über ihre Feinde, Gott gegenüber aber zu Priestern, welche durch demütiges Gebet jene großen ihnen zugesagten Dinge erlangen. W. Gurnall † 1679.