Psalm 119,82
Andachten
Meine Augen sehnen sich nach deinem Wort, und sagen: Wann tröstest du mich?
Mund und Herz sollen im Gebet zusammenstimmen. Zwar bedarf Gott der Worte nicht für sich, sein Auge geht durch alle Tiefen. Er erkennt, was uns drücket, und tut ihm weh, dass ihm das Herz will brechen. Dennoch will er, dass wir sollen unsere Anliegen in Worte fassen, damit wir das Gemüt in Andacht entzünden und die Gedanken sein beisammenhalten. Da liegt aber nichts an, ob die Worte prächtig oder einfältig, ganz oder halb sind. Einfältige zeugen von einem einfältigen Herzen, zerbrochene Worte von einem zerbrochenen Herzen. Was von Herzen geht, geht wieder zu Herzen. So treibe Gott auch Dinge und Worte in sein Vaterherz hinein, die ihm von Herzen gegangen sind, - dann muss er sich dein erbarmen. (Heinrich Müller)
Wann tröstest du mich?
Eine überraschende, tiefergreifende Frage, besonders in dem 119. Psalm, in welchem sonst das Bedürfnis nach Licht und Leben aus Gott noch viel stärker, als das nach baldigem Troste ausgesprochen ist. Auf jedes Wort kann man hier den Nachdruck legen. Herr, schon von jeher hast du mich gelehrt und geleitet, aber das ist für dies arme, müde Herz noch zu wenig; wann wirst du mich freundlich trösten? So viele andere hast du schon erquickt und ermutigt: kommt nun nicht auch an mich die Reihe? Irdische Freunde taten das Ihrige; aber es gibt nichts und niemanden außer dir, wobei die Seele wahrhaft leben könnte; wann denn wirst du mich trösten, der du nicht menschlich, sondern göttlich tröstest? Wann, mein Gott, nachdem diese dürre Seele schon so lange geschmachtet hat nach einem Tröpflein Himmelstaues? Die Wunde ist so tief - soll sie den Balsam noch länger entbehren? Das Verlangen ist so groß. Wird es bald vollkommen gestillt? Oder bleibt deine Antwort auch jetzt, wie so oft: noch nicht! Wann denn, du Erbarmer, wann soll denn aus der Nacht der Morgen aufgehen?
Die Antwort bleibt Gottes Geheimnis; aber die Frage steht frei, wenn sie nur eine heilbegierige und vertrauende, eine ergebene und geduldige Frage genannt werden darf. O selig, wer dies Fragen so gelernt hat, dass ein heiliger Gott ihm innerlich antworten kann. Doppelt selig, wer die göttliche Antwort verstanden und so tief in sein Herz eingegraben hat, dass darin bei allem Leid doch kein Platz für das größte aller Leiden, vollkommene Trostlosigkeit, mehr übrig bleibt! Stille Verzweiflung an allem, sie ist etwas so Schreckliches und doch so wenig Seltenes da, wo man aufhörte mit Einem zu rechnen. mein Gott, bewahre mich davor, und heile du auf deinem Wunderwege all die Schmerzen, die Menschenaugen nicht sehen und Menschenhände nicht ergründen können. „Wann?“ - gewiss wirst du mich umso schneller trösten, je mehr ich verlerne, nach dem „Wann“ zu fragen und je mehr ich lerne, auf das „Warum“ auch bei deinen dunkelsten Wegen zu achten. Denn noch immer geht es wie der fromme Dichter gesungen hat:
Wenn die Stunden sich gefunden,
Bricht die Hüls' mit Macht herein;
Und dein Grämen zu beschämen,
Wird es unversehens sein. (Oosterzee, Johannes Jacobus van)
Osterzee_Johannes_Jacobus_van}}Wann tröstest du mich?
Eine überraschende, tiefergreifende Frage, besonders in dem 119. Psalm, in welchem sonst das Bedürfnis nach Licht und Leben aus Gott noch viel stärker, als das nach baldigem Troste ausgesprochen ist. Auf jedes Wort kann man hier den Nachdruck legen. Herr, schon von jeher hast du mich gelehrt und geleitet, aber das ist für dies arme, müde Herz noch zu wenig; wann wirst du mich freundlich trösten? So viele andere hast du schon erquickt und ermutigt: kommt nun nicht auch an mich die Reihe? Irdische Freunde taten das Ihrige; aber es gibt nichts und niemanden außer dir, wobei die Seele wahrhaft leben könnte; wann denn wirst du mich trösten, der du nicht menschlich, sondern göttlich tröstest? Wann, mein Gott, nachdem diese dürre Seele schon so lange geschmachtet hat nach einem Tröpflein Himmelstaues? Die Wunde ist so tief - soll sie den Balsam noch länger entbehren? Das Verlangen ist so groß. Wird es bald vollkommen gestillt? Oder bleibt deine Antwort auch jetzt, wie so oft: noch nicht! Wann denn, du Erbarmer, wann soll denn aus der Nacht der Morgen aufgehen?
Die Antwort bleibt Gottes Geheimnis; aber die Frage steht frei, wenn sie nur eine heilbegierige und vertrauende, eine ergebene und geduldige Frage genannt werden darf. O selig, wer dies Fragen so gelernt hat, dass ein heiliger Gott ihm innerlich antworten kann. Doppelt selig, wer die göttliche Antwort verstanden und so tief in sein Herz eingegraben hat, dass darin bei allem Leid doch kein Platz für das größte aller Leiden, vollkommene Trostlosigkeit, mehr übrig bleibt! Stille Verzweiflung an allem, sie ist etwas so Schreckliches und doch so wenig Seltenes da, wo man aufhörte mit Einem zu rechnen. mein Gott, bewahre mich davor, und heile du auf deinem Wunderwege all die Schmerzen, die Menschenaugen nicht sehen und Menschenhände nicht ergründen können. „Wann?“ - gewiss wirst du mich umso schneller trösten, je mehr ich verlerne, nach dem „Wann“ zu fragen und je mehr ich lerne, auf das „Warum“ auch bei deinen dunkelsten Wegen zu achten. Denn noch immer geht es wie der fromme Dichter gesungen hat:
Wenn die Stunden sich gefunden,
Bricht die Hüls' mit Macht herein;
Und dein Grämen zu beschämen,
Wird es unversehens sein. (Oosterzee, Johannes Jacobus van)