Psalm 118,5

Andachten

In der Angst rief ich den Herrn an, und der Herr erhörte mich.
Es mag dich ängsten oder quälen, was da will, so hat es der Herr aus keiner andern Ursache über dich kommen lassen, als um dich beten und glauben zu lehren, um dich zu sich zu rufen. Jede Angst oder Not sei dir ein Bote Gottes, der dir sagt: Nun wäre es einmal Zeit, dich von ganzem Herzen zu deinem Heilande zu wenden. Sind es deine Sünden, die dich ängsten, so sei dir diese Angst ein Brief vom Himmel, der aber versiegelt ist; öffne ihn, und erbrich das Siegel; durch anhaltendes Gebet kannst du es brechen; und dann liest du darin geschrieben von Gottes eigner Hand, was Jesaja 1,15-19 steht. Ist es ein großes Leiden, oder was immer für eine Not, so ist es ein Denkzettel vom Herrn, der dir sagt: Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen. Psalm 50, 45. Der Herr ängstet keine Menschenseele ohne Ursache, sondern nur aus Liebe, um sie zu ihm mit der Rute zu treiben, weil sie sich gewöhnlich nicht durch Liebe ziehen lassen; um sie also mit Gewalt gleichsam zu nötigen und zu zwingen, dass sie sein Angesicht suchen und sich helfen lassen. Konnten sich die Alten trösten in ihrer Angst, konnten sie Gottes Angesicht finden, wie vielmehr wir, da uns in Christo der Schoß Gottes so weit aufgetan ist; der ja nur gekommen ist in diese Welt für Elende und Geängstete. Er, der keinen zurückstößt, der zu ihm kommt, der selbst allen ruft und freundlich bittet: kommt alle zu mir rc. (Johannes Evangelista Gossner)


In der Angst rief ich den Herrn an, und der Herr erhörte mich und tröstete mich. Der Herr ist mit mir, darum fürchte ich mich nicht; was können wir Menschen tun? Der Herr ist mit mir, mir zu helfen; und ich will meine Lust sehen an meinen Feinden. Es ist gut auf den Herrn vertrauen, und nicht sich verlassen auf Menschen.
Es heißt: „Ich rief den Herrn an.“ Rufen musst du lernen und nicht da sitzen bei dir selbst oder liegen auf der Bank, den Kopf hängen und schütteln, und mit deinen Gedanken sorgen und suchen, wie du los wirst, und nicht anders ansehen, denn wie übel dir's gehe, wie wehe dir sei, wie ein elender Mensch du seiest. Sondern wohlauf, auf die Knie gefallen, die Hände und Augen gen Himmel gehoben, einen Psalm oder Vaterunser vorgenommen, und deine Not mit Weinen vor Gott dargelegt, geklagt und angerufen. (Luther). Dazu ist uns dieser Tag gegeben, dass wir aufs Neue lernen, den Herrn anzurufen, all' unsre Kämpfe und Sorgen vor ihn zu bringen, und mit all unsrem eignen Wesen in seiner Herrlichkeit unterzugehen ganz und gar. Mit allen deinen Kindern, die dein Antlitz suchen, kommen auch wir vor deinen Thron, o Gott und Vater, und preisen dich, dass du uns diesen Tag geschenkt hast. Lass das Licht deiner Gnade aufs Neue in unsern Seelen aufgehen. Erhalte uns im Glauben, befestige uns in deiner Gemeinschaft. Vollbereite, stärke, kräftige, gründe du uns heute in deinem heiligen Namen. Hilf uns durch dein Wort und deinen Geist also diesen Tag zu feiern, dass von ihm Kraft und Freude ausfließt über die ganze Woche, dass dein Friede uns bleibe in dem Gewirre der Welt, dein Wort uns bewahre in dem Kampfe mit dem Bösen, deine Nähe uns erquicke im Leid und uns heilige in der Liebe zu unsern Nächsten. Amen. (Adolf Clemen)


In der Angst rief ich den HErrn an, und der HErr erhörte mich und tröstete mich.
Die letzten Worte dieses Verses lauten in ihrer Sprache also: Er erhörte mich in weitem Raum, das ist, Er machte mich aus der Angst, darin mir das Herz beklemmt war, los, dass mein Herz frei und fröhlich wurde. Hier ist nun abgemalt das Herz der heiligen Leute, dass es nicht allezeit in Sicherheit, Freude und weitem Raum wohne, sondern in steter Furcht, in Angst und Bekümmernis, gleich als in einer Presse beklemmt. Wenn dies nun also ist, so verzage darum nicht; tue, wie David: In der Angst rufe ich den HErrn an, und Er macht mir weiten Raum. Menschenkinder sind böse, giftig und teuflisch, die pressen und drücken fromme Herzen immer mehr und mehr, von denselben kannst du dich nicht los machen, denn durch das Gebet zu Gott. Das ist nun die hohe verborgene geistliche Kunst, die eines rechten Christen eigene und goldene Kunst ist, darin das wahre Christentum besteht, welche Kunst kein Mensch ohne Kreuz lernen kann. Und ist wahrlich, wenn wir es eigentlich bedenken, ein großes göttliches Wunder, dass sich mancher frommer Christ mit einem Vater Unser oder tröstlichen Psalmen, wenn er ihn von Herzen betet, aus großer Not helfen kann. Da lernen wir, was Glaube, Gebet und Wort Gottes für Kraft, Stärke und Leben habe, welches wir nimmermehr ohne Kreuz lernen würden. (Johann Arnd)

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