Hiob 8,9
Andachten
Wir sind von gestern her; unser Leben ist wie ein Schatten auf Erden.
Wie die Zeit mit uns eilt! Wie sich Tage, Monate und Jahre drängen, immer näher der ersten Stunde, wo wir aus dem Wechsel der Zeit hinübergehen in die unergründliche Ewigkeit! Alles um uns her so veränderlich, so ungewiss und wandelbar! Nirgends Ruhe, Beständigkeit und Stillstand. Doch über den Wechsel der Dinge, über die Fluten der Zeit, über die Zerstörungen des Todes erhebt sich der freie, nach dem Bilde Gottes geschaffene, durch Jesus Christus erleuchtete und erlöste Geist. In Nachdenken, in stille Betrachtung, in Anbetung des Allerhöchsten verloren, steht er unter den Trümmern der Vergänglichkeit, schaut hinab in die Tiefe seines eigenen Wesens, wo die Gedanken auf- und niedergehen, und dann hinauf in die Tiefe des Himmels, wo die leuchtenden Welten ernst und schweigend ihre ewige Bahn wandeln. Wie viel Herrliches du mir auch gibst in deinem raschen Wechsel, wundersame Zeit, ich gehöre dir doch nicht an als bleibendes Besitztum. Meine Heimat ist die Ewigkeit, mein Vaterland der Himmel. Hienieden durchdringt uns oft voll Wehmut und Trauer das Gefühl von der Hinfälligkeit der menschlichen Natur, von der Eitelkeit aller Dinge, von der Vergänglichkeit der ganzen sichtbaren Welt. Wir hören die Klagen der Unglücklichen, welche das Ungemach des Lebens schmerzlich empfinden, die Seufzer der Kranken, die auf dem einsamen Lager um Erlösung flehen, das Jammern der Verlassenen und Armen, welche nach Hilfe und Rettung die Hände ausstrecken, das Wehe der Kummervollen und Sterbenden, denen um Trost bange ist und die sich sehnen nach einem Frieden, den die Welt nicht geben kann. Ach, es ist viel Herzeleid auf Erden! Darum überall in der Menschen Herzen eine Sehnsucht nach dem Ewigen, eine Hoffnung künftiger Herrlichkeit, ein Trachten nach dem, was dort oben ist.
Die Zeit soll uns erziehen zur Ewigkeit; wir sollen hienieden vorbereitet und vorgebildet werden zu der herrlichen Zukunft Jesu Christi. Wir haben hier keine bleibende Stätte, sondern suchen die zukünftige. Wir reisen, um nach Hause zu kommen; wir kämpfen, um die Krone des ewigen Lebens zu erlangen; wir tragen und dulden, um in das Himmelreich einzugehen. Aber befinde ich mich auch auf dem rechten Wege, der zur ewigen Heimat führt? Kämpfe ich auch getrost und freudig den christlichen Kampf für Recht und Wahrheit, für Tugend und Frömmigkeit, für Glauben und Seligkeit? Bin ich auch treu und gewissenhaft in Erfüllung meiner Pflichten und voll herzlicher Liebe gegen meinen Nächsten? Lebe ich auch in einem glücklichen Einverständnisse mit Gott und meinem Gewissen? Bin ich meinem Herrn und Meister ganz ergeben und trage ich ihm sein Kreuz in Geduld und Hoffnung gläubig nach? Werfe ich alle meine Sorgen vertrauensvoll auf Den, der so väterlich für mich sorgt? oder bin ich kleinmütig in Gefahr, verzagt im Unglück, trostlos in Trübsal? Ach, diese Fragen fallen mir in den ersten Stunden des neuen Jahres schwer aufs Herz. Ein ernstes Nachdenken zeigt mir so viele Fehltritte und Verirrungen, so viele Mängel und Gebrechen, so viele Torheiten und Sünden! Und doch, vielleicht ist dieses neubegonnene Jahr das letzte meines Lebens; vielleicht bringt es mir den ernsten Tag der Rechenschaft und stellt mich vor den ewigen Richter, vor dem mein Innerstes ausgebreitet liegt wie der weite Himmelsbogen.
Ach, ich sinke nieder vor dir, du Ewiger, der du in einem Lichte wohnst, zu dem Niemand kommen kann. Du bist der Selige und Alleingewaltige, der Alles trägt mit seinem starken Arm. Auch mich erreicht deine Liebe, auch mich durchdringt ein Strahl von deinem Lichte, auch mich hast du berufen zur ewigen Seligkeit. Du hast Kräfte, Wünsche und Hoffnungen in meine Seele gelegt, die nur die Ewigkeit erfüllen kann; du hast auch für mich deinen eingebornen Sohn gesandt, damit er mir das ewige Leben nachweise und erwerbe. Ach Alles, was ich bin und habe, mein Herz und Leben, meine Hoffnung und Freude, meine Liebe und meine Ruhe, ich lege es alles vertrauensvoll in deinen heiligen Rat und Hände. Du gibst uns ja doch mehr, als wir bitten und verstehen, segnest uns mit den Gütern deiner Gnade, und führst Alles zu unserm Heil und zu deinem Preise herrlich hinaus. So walte denn auch in diesem neuen Jahre über mich und die Meinen. Ohne dich kann ich ja doch nichts tun. Beschütze und behüte, regiere und tröste uns. Gib uns Mäßigung im Glück, Trost im Unglück, Mut im Kampfe, Hilfe in Gefahren; erhalte uns bei dem Einen, dass wir deinen Namen fürchten, die Sünde meiden und mit Ernst trachten nach dem ewigen Leben. Bleibe bei uns mit deiner Gnade, mit deinem Schuhe und mit deinem Frieden. Und ist meine Zeit dahin, so rette mich mit deinem mächtigen Arm aus den Stürmen der Vergänglichkeit in den Schoß der ewigen Ruhe. (Christian Wilhelm Spieker)