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Hiob 15,11

Hiob 15,11

Andachten

Sollten Gottes Tröstungen so gering vor dir gelten?

Eine Frage, die Eliphas an den leidenden Hiob richtet, die natürlich nichts anders, als eine möglichst starke Verneinung sein soll - eine Frage, die später unzählige Male auch von christlichem Munde wiederholt worden ist. Wirklich weist diese Frage auf einen scheinbaren Widerspruch hin, hinter dem sich jedoch nur eine entsetzliche Möglichkeit verbirgt.

Gottes Tröstungen zu gering - und das noch wohl für jemand, der behauptet, ihn zu kennen und zu lieben? Fürwahr, beim ersten Anhören klingt das ebenso lächerlich, als wenn man fragte: Ist das Meer vielleicht nicht weit genug, oder ist die helle Mittagssonne zu dunkel? Denke nur an den himmlischen Ursprung dieser Tröstungen, welche uns dazu durch das Evangelium so viel deutlicher als dem größten Dulder des Altertums kund getan werden; Tröstungen, die entsprungen sind aus dem Vater- und Mutterherzen dessen, der über sein seufzendes Kind keine anderen Gedanken hat, als Gedanken des Friedens. Denke an den reichen Inhalt dieser Tröstungen, die so ganz und gar alles umfassen, was der Mensch, der Sünder, der Christ täglich aufs neue vonnöten hat um sich zu wappnen gegen den dreifachen Feind, die Sünde, das Leiden und den Tod. Denke an die wohltätige Absicht dieser Tröstungen, durch die das Herz nicht nur erquickt, sondern wahrhaftig geheilt wird, ja so erneuert und Gott geheiligt, dass auch aus der Tränensaat alsbald eine Ernte der herrlichsten Freuden ersteht. Denke endlich, um nicht mehr zu nennen, an die oft erprobte Kraft dieser Tröstungen, für welche selbst die höchsten Lobeserhebungen zu gering sind. - Wo wäre die Not, für die hier keine Hilfe zu finden wäre? Wann käme eine Zeit, in der sie ihre Wirksamkeit verlören? Wo wäre das aufrichtige Herz zu finden, dem sie ganz vergebens angeboten würden? Und was für die Glaubensriesen aller Zeiten, für Patriarchen und Propheten, für Apostel und Märtyrer, mit einem Worte für die größten Kreuzträger mehr als genug war, das sollte für so viele Zwerge unsrer Zeit zu gering sein? Für einen Hiob sicherlich vollkommen ausreichend, aber für dich und mich doch zu gering! Aber dann müssten wir doch sehr große Leute, oder Gottes Tröstungen sehr klein sein, dass sie für uns nicht mehr genügten!

Aber wie ungereimt es auch erscheinen mag, es ist dennoch eine erschreckende Möglichkeit vorhanden, dass diese unschätzbaren Tröstungen für zu gering gehalten werden können. Und was mehr ist, es gibt eine traurige Wirklichkeit, über die wir uns kaum trösten könnten, wenn nicht Gottes Wort das Licht auch in der Finsternis scheinen ließe. - Wie stehen denn die meisten Dulder den Tröstungen Gottes gegenüber? Ach, es ist nur allzu leicht, sie anzuhören, ohne sie zu ergreifen, sie zu genießen, ohne den Trost, den sie spenden, festzuhalten und wirklich getröstet und geheiligt zu werden. Und noch mehr, man kann sie andern darbieten, ohne doch selbst allezeit ihre volle Kraft zu schmecken; man tut dann zwar groß, aber Gott weiß, was zuweilen im Herzen sich regt, während der Mund von so lieblichen Dingen Zeugnis ablegt. Umgeben von milden Trostesquellen gleicht man doch einem dürren Acker; man braucht nur zu schöpfen, wie jene Seeleute, die schier vor Durst vergingen, weil sie nicht wussten, dass sie schon aus dem Salzwasser in das süße Jahrwasser gekommen waren; und doch verschmachtet man oft mitten im Überfluss! Ja, wo wäre wohl der Fromme zu finden, der nicht je und dann das Haupt beschämt zur Erde neigen müsste, wenn er geradezu gefragt würde: Sollten Gottes Tröstungen so gering vor dir gelten?

Traurige, beunruhigende Erscheinung! Liegt vielleicht der Grund dafür in dem, was Eliphas unmittelbar folgen lässt: Aber du hast irgend noch ein heimlich Stück bei dir!? So ist es gewiss! Nicht bei Gott, sondern nur bei uns liegt die Schuld so großer Armut gegenüber so unerforschlichem Reichtum!

Darum mein Herr und Gott! nimm mir alles Eigene und Verkehrte, dass du mich mit deinen Gaben füllen und erquicken kannst und ich es lerne mit Paulus, deinem Knechte, dich zu preisen: Gelobet sei Gott und der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der Vater der Barmherzigkeit und Gott alles Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal.

Sein Geist spricht meinem Geiste
Manch süßes Trostwort zu,
Wie Gott dem Hilfe leiste,
Der bei ihm suchet Ruh',
Und wie er hab' erbauet
Ein' edle neue Stadt,
Wo Aug' und Herze schauet,
Was es geglaubet hat. (Oosterzee, Johannes Jacobus van)

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