2. Samuel 10,12
Andachten
Er ist der Herr; er tue, was ihm wohlgefällt
(Eli, 1. Sam. 3, 18.).
Der Herr aber tue, was ihm gefällt
(Joab, 2. Samuel 10, 12).
Er mache es mit mir, wie es ihm wohlgefällt
(David, 2. Sam. 15,26.).
Des Herrn Wille geschehe
(die Gemeinde in Cäsarea, Apostelgeschichte 21, 14.).
Mit bebendem Herzen hat der greise Eli Samuels Bericht von dem Urteil vernommen, welches sein Haus bedroht. Aus der Ferne hört er den Sturm heranziehen, fühlt sich aber gänzlich machtlos, ihn aufzuhalten. Wozu soll er auch noch ferner ankämpfen gegen den Strom, der ja doch bald auch ihn selbst mit fortreißen wird? Er lässt sein Haupt sinken und übergibt sich als ein Mann, mit dessen Widerstande es vorbei ist. - „Dein Wille, Herr, geschehe“ ist hier das Bekenntnis einer mutlosen, zaghaften Unterwerfung.
Misslicher als je dünken dem Joab die Aussichten des Krieges, da gleichzeitig zwei mächtige Feinde gegen das wenig vorbereitete Israel drohend heranrücken. Er trifft alle Maßregeln, die Kriegskunst und Gelegenheit ihm an die Hand geben, macht mit seinem Bruder Abisai die nötige Absprache, versäumt auch nicht, seinen Worten einen recht männlichen, heldenhaften Ton zu geben, und schließt die kurze Tagesordnung mit einem frommen: „Der Herr aber tue, was ihm gefällt!“ Auf den Lippen des rauen, blutgierigen, unheiligen Joab wird das wohl nichts mehr heißen sollen, als: In Gottes Namen vorwärts; und im Übrigen tapfer dreinschlagen!
„Dein Wille, Herr geschehe“ ist bei ihm das Bekenntnis eines oberflächlichen Glaubens.
Fliehend vor Absalom steht der tiefgedemütigte David bereit, den Bach Kidron zu überschreiten begleitet von einer Anzahl Getreuer, auch von Zadok mit der Lade Gottes. Wird er auch dieses Heiligtum mit in die Gefahr ziehen, welcher er entgegen geht? Dazu ist sein Verstand zu klar, seine Ehrfurcht zu groß, seine Demut zu tief. Auch von der Lade kann er scheiden; Gott wird geben, dass er sie wiedersieht, wenn die Rettung gekommen ist; und kommt sie nicht, so wird doch David an Gottes Treue und Erbarmung nicht irre werden. Ist er auch - mag's nun gehen, wie es will - der Lade getrennt, in keinem Falle ist er doch fern von Gott. Hier ist keine Mutlosigkeit, wie bei Eli, kein stolzer Mut, wie bei Joab. Hier ist das „Dein Wille, Herr geschehe“ das Bekenntnis der ungeheuchelten Bußfertigkeit, die vor Gott in der Tiefe kniet und grade darum auch stark ist in unwandelbarem Gottvertrauen.
Jahrhunderte später ist eine Christenschaar unter Tränen und Gebeten bei einander, denn sie fürchtet, Paulus möge ihr entrissen werden; aber kaum hat sie seine glaubensvollen Worte vernommen, da bedenkt sie auch, dass man hier dem Herrn nicht länger in den Weg treten darf, und beugt gleichsam vor ihm das Haupt mit den Worten: Des Herrn Wille geschehe! Das Bekenntnis völligen Aufgehens des eigenen Willens in Gottes Willen.
So ist auch hier noch lange nicht alles so gut und fromm, wie es aussieht. Viermal derselbe Seufzer, unter sehr verschiedenen Umständen und von verschiedenen Lippen ausgesprochen - und noch immer in mancher bangen Stunde laut oder im Stillen wiederholt. Wer von uns hat ihn nicht auch oft ausgestoßen, wer von uns tut's nicht noch immer bald oberflächlich, bald aus tiefstem Herzen heraus - und in welchem jener vier Beispiele erkennen wir am deutlichsten unser Bild? Am niedrigsten ist ohne Zweifel Joabs Stimmung, - manchmal natürlich auch diejenige Elis; aber viel höher diejenige Davids, und noch viel gehobener als diese die der Christen zu Cäsarea. Ist das zu verwundern, da sie den kannten, der in Gethsemane ringend jenes kindliche: Dein Wille geschehe! gebetet hatte, so wie noch nie jemand weder vor noch nach ihm? Und so kann auch unsre Unterwerfung nur da eine wahrhaft kindliche, willige, freudige sein, wo auch für uns der Wille des Herrn der Wille des Vaters geworden ist. Wir sind des Heilandes wahre Jünger noch nicht, wenn nicht auch von uns nach kürzerem oder längerem Streit gesagt werden kann: „Sie schwiegen“ - und das werden wir nicht tun, so lange die tiefe Demut Davids uns fremd ist, die uns auch unter den schwierigsten Umständen daran erinnert, dass das, was wir einbüßten, doch immer noch gering ist im Vergleich zu dem, was wir verdient haben. Sind wir aber in diese Schule der Demut geführt worden, sind wir dabei von allem vermessenen Selbstvertrauen entwöhnt, dann braucht uns auch nie, wie dem zitternden Eli, der Mut ganz zu sinken. Auch das Missgeschick, das wir mit unserer schwachen Hand nicht wenden können, kann noch für uns selbst, oder für andere nach uns ein Segen werden, und müssen wir endlich fallen, so fallen wir doch in die Hände eines Gottes, der auch inmitten seines Zornes noch des Erbarmens gedenkt, und der niemals tut was gut ist in seinen Augen, ohne dass es zugleich auch als das Beste erscheint für das Herz, das ihn wirklich sucht.
Es kann mir nichts geschehen,
Als was er hat ersehen
Und was mir selig ist;
Ich nehm' es, wie ers gibet;
Was ihm von mir beliebet,
Erkies ich auch zu jeder Frist.(Oosterzee, Johannes Jacobus van)