1. Mose 4,6
Andachten
Warum ergrimmst du? Und warum verstellen sich deine Gebärden?
Wenn du in der wahren Liebe lebst, und dein Bruder tritt dir einmal zu nahe und tut dir etwas zu Leide, dann vergiss es nicht: Die Liebe stellt sich nicht ungebärdig, sie verstellt nicht ihre Gebärden; sie lässt sich nicht verbittern und ergrimmet nicht. Es tut so wohl, wenn man in ein Angesicht sehen darf, daraus der Friede und die Sanftmut zu erkennen ist. Ein solches Angesicht ist wie ein Abglanz der himmlischen Liebe. Aber anders ist's, wenn sich im Zorn unsre Gebärden verstellen, und jeder Zug unsres Angesichts lässt uns erkennen, dass etwas in uns wühlt und tobt. So war es mit Kain, als er sich gegen seinen Bruder wendete. Da traf ihn das Wort Gottes: „Warum verstellen sich deine Gebärden?“ So tritt auch zu uns die ernste Frage unsres Heilandes heran: Warum? Warum verstellen sich deine Gebärden? Wo ist die sanfte Friedfertigkeit hingekommen? Warum bist du in deinem ganzen Wesen so ungebärdig?
Darum liegt so viel Unheil in unserm Angesicht, das sonst manchmal so unschuldig und stille erscheinen mag, darum, weil wir gegen den Bruder verbittert sind, weil der Grimm in unser Herz eingezogen ist. Ach, der Bruder hat es vielleicht wirklich einmal versehen, er hat vielleicht wirklich einmal unrecht gegen dich gehandelt. Aber das gibt nimmermehr ein Recht, dass du gegen ihn den Groll festhältst. Der heilige Herr und Gott fragt dich dann: Warum ergrimmst du?“ Kennst du meine Liebe nicht, die ihr Alles hingegeben hat und freundlich und sanftmütig auf dich herniederblickt, die barmherzig und gnädig dir alle Missetat vergibt? Höre diese Stimme, siehe mit Buße auf das Gotteslamm, das der Welt Sünde getragen hat, wie es vor dir steht, und der Grimm muss weichen, und die Sanftmut kommt wieder.
Lasst uns beten: Liebreicher Herr Jesu Christe! Du bist sanftmütig und von Herzen demütig. Wir danken Dir, dass Du am Stamm des heiligen Kreuzes so still für uns geblutet hast, und hast all unsern Grimm und unsre Bitterkeit getragen. Stehe Du uns doch bei, wenn unser Herz aufbraust, und wir wollen ergrimmen in heißem Zorn. Gib unsern Augen etwas von dem Licht des himmlischen Friedens, damit aus unserm Angesicht Deine selige Liebe strahlen möge. Lege die Hand auf unser stürmisches Herz, dass es ganz stille werde. Tue das auch heute diesen Tag, damit wir bei Arbeit und Mühe doch erfahren dürfen, dass noch eine Ruhe vorhanden ist dem Volke Gottes. Amen. (Wilhelm Hunzinger)