1. Mose 42,36
Andachten
Joseph ist nicht mehr vorhanden.
Von allen Erzvätern ist sicherlich nicht ein einziger, in dessen Lebensgeschichte wir die Spuren von so viel Trübem und Sündigem finden, als in der des Erzvaters Jakob; und wiederum in Jakobs Geschichte kein Abschnitt, der uns tiefer bewegt, als der, wo er um seinen Sohn Joseph klagt. Unser Text versetzt uns mitten in diese trübe Zeit. seines Lebens und gibt uns zugleich Gelegenheit, einen tiefen Blick in sein Herz zu tun. „Joseph ist nicht mehr vorhanden“, - dieser Klageruf des jammernden Greises erschließt vor unserem Auge eine ganze Welt tiefsten Seelenschmerzes. Dass auch Simeon nicht mehr vorhanden ist, dass man nun auch Benjamin ihm nehmen will, das mag ihn aufs tiefste bekümmern; aber was ist das im Vergleich mit dem Einen, Großen: „Joseph ist nicht mehr vorhanden?“ Das ist der schärfste Dorn für dies allzu gefühlvolle Fleisch; dies das große Fragezeichen in seinem Lebensbuche, welches dort schon Jahre lang stand ohne eine befriedigende Antwort zu finden; dies bei weitem die größte von allen Widerwärtigkeiten, die er erleben musste. Ach, wie unsagbar viel hat er auch in diesem einen Joseph verloren, und auf welch schreckliche Weise, und mit wie geringer Entschädigung! Nein, wir dürfen ihm diesen Schmerzensschrei nicht verübeln, aus dem wir es deutlich heraushören, wie Jakobs Herz durchbohrt ist, wie seine Schuld an ihm heimgesucht wird, wie sein Mut gebrochen ist. Du am allerwenigsten sollst über dieses gebeugte Haupt den Stab brechen, der du selbst früher oder später gestanden hast, vielleicht gar eben jetzt da stehst als einer, der das kostbare Gefäß seiner Hoffnungen in Scherben zu seinen Füßen zerbrochen sieht; du, dem es zu Mute ist, als ob er gegen sich allein von allen Seiten alles einstürmen sähe, und der bei so viel Bitterem grade jetzt mit doppelter Schärfe die alte Herzenswunde brennen fühlt, und im schwarzen Trauerkleide beim Anblick eines leeren Platzes, einer auffallenden Ähnlichkeit jammert: Ach, der Eine ist nicht mehr vorhanden!
Ja, es ist auch so hart, es ist auch so natürlich; und doch, sollte es wohl gut, wohl weise, wohl christlich sein, das Nichtvorhandensein dieses einen Joseph oben an zu stellen in der Reihe der Dinge, die uns zuwider zu sein scheinen? Jakob hat später wohl Zeit genug gehabt, sich über sein kleinmütiges Klagen zu schämen; und wir, die wir die herrliche Entwicklung grade dieses dunkelsten Teiles seiner Geschichte kennen, wir haben darin wie in einem hellen Spiegel „das Ende des Herrn gesehen, dass der Herr barmherzig ist und ein Erbarmer“. Wie zeigt sich's auch hier wieder, dass Gottes Wege nicht unsre Wege sind und seine Gedanken so viel höher als der Menschen Gedanken! - Joseph ist nicht mehr vorhanden; aber grade dadurch wird Jakob geläutert. Die sichtbaren Götzen Labans hat er schon längst zerbrochen; aber es muss auch der letzte Abgott dadrinnen in seinem Herzen zerschlagen werden, auf dass Gott allein sein Ein und Alles werde; wie könnte sonst aus Jakob je ein Israel werden? - Joseph ist nicht mehr vorhanden - aber grade dadurch wird Joseph herangebildet zur schönsten Lebensbestimmung, denn nicht durch das väterliche Zelt, sondern durch den fremden Kerker hindurch führt für ihn der Weg zum Throne. Ach, der Schmerz macht uns so oft selbstsüchtig, und die Selbstsucht lässt uns so schnell vergessen, dass das, was wir als Mangel empfinden, für die, die wir lieb haben, wohl die Ursache zeitlichen und ewigen Gewinnes sein könnte! Endlich: Joseph ist nicht mehr vorhanden, aber grade dadurch wird beiden, Jakob und Joseph, die selige Freude bereitet, als die Stunde des Wiedersehens anbricht, und der so lange Betrauerte endlich noch, bevor es bricht, an dem jauchzenden Vaterherzen ruht. Ist's noch nötig, das Ende der unnachahmlich schönen Erzählung zu wiederholen und in der grauen Vergangenheit die Weissagung einer ewigen Zukunft zu sehen?
O, meine Seele, gehe mit deiner Erfahrung zu Rate, dann wird dein Klagen zu Lob und Preis! Schaue hin auf Jakob, auf Joseph, auf Jesus, und rechne, so du im Glauben beharrst, fest auf eine Stunde, - vielleicht erscheint sie dir an dieser, gewiss aber an jener Seite des Grabes in der du mit stillem Erstaunen entdeckst, wie alles, was hier wider dich zu sein schien, doch endlich sich für dich wandte, und wie denen, die Gott lieben, alles, alles zum Besten dienen muss, auch das schwärzeste Trauerkleid der Seele, sei's nun um Lebende oder Tote getragen. Und du, der du vielleicht selten laut, aber umso mehr im Stillen seufztest: Joseph ist nicht mehr vorhanden - lerne endlich mit seligem Lächeln auf dem tränenfeuchten Antlitze dieses viel größere Wort wiederholen: Jesus ist doch da, und Er allein ist mir, auch wenn ich von allen verlassen bin, im Leben und Sterben - genug!
Du hier mein Trost und dort mein Lohn,
Sohn Gottes und des Menschen Sohn,
Des Himmels großer König:
Von ganzem Herzen preis' ich dich;
Hab' ich dein Heil, so rühret mich
Das Glück der Erde wenig.
Zu dir komm' ich; wahrlich keiner
Tröstet deiner sich vergebens,
Sucht er dich nur, Brot des Lebens. (Oosterzee, Johannes Jacobus van)