1. Mose 28,15
Andachten
Siehe, ich bin mit Dir
Diese Verheißung leuchtete dem vor Esau flüchtenden Jakob als ein Hoffnungsstern auf seiner Wüstenwanderung. Auch unsere Hoffnung beruht auf dieser Verheißung unseres Gottes. Auch wir sind Gäste und Fremdlinge in dieser Welt, durch Gottes Gnade erwählt zur Bürgerschaft eines besseren Vaterlandes, nämlich des himmlischen. Auch auf uns lastet schuldvolle Vergangenheit, Torheit und Sünde. Aber auch wir erblicken im Glauben die Himmelsleiter oder vielmehr den selbst, auf den sie ein Vorbild ist, nämlich Jesus Christus, dessen menschliche und göttliche Natur Erde und Himmel verbindet, dessen Kreuz den Abgrund zwischen dem heiligen Gott und den schuldbeladenen Menschen überbrückt.
„Siehe, ich bin mit dir!“ Nun sind wir nicht mehr einsame Wanderer, einem blinden Schicksal preisgegeben. „Der in euch ist, ist größer, als der in der Welt ist“ (1. Joh. 4,4), dies ist die Quelle unserer Freude. Wenn zuweilen auch für den Gläubigen die Zeit der Finsternis kommt, wo der Unglaube, der überwunden schien, sein Herz wieder quält, es in Unruhe und bange Sorge versetzt, was anders kann ihn wieder aufrichten, als die bestimmte Zusicherung unseres Gottes: „Ich will dich nicht verlassen noch versäumen!“ (Heb. 13,5). „Der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird*s auch vollführen bis an den Tag Jesu Christi.“(Phil. 1,6). Dann wird der Gläubige den Blick von sich selber und seiner geistlichen Armut abwenden und die Augen erheben zu dem, der gesagt hat: „Wendet euch zu mir, aller Welt Enden, so werdet ihr leben!“ (Jes. 45,22). Da ist die Kraft, die Weisheit und die Seligkeit des Gläubigen; er wendet sich zu Jesu, „dem Anfänger und Vollender des Glaubens“; er weiß, „dass er treu ist, der es verheißen hat“, und dass der, der uns berufen hat aus Gnaden, „da wir noch Feinde waren“, und uns an seiner Hand geführt durch die Wüste dieser Welt, uns „viel mehr selig machen wird durch sein Leben, so wir nun versöhnt sind“. Selbst dann, wenn unser Glaube wankt und wir aus dem tiefen Abgrund, der uns zu verschlingen droht, zu ihm schreien, wird er seine Hand ausstrecken, uns zu retten; und „wenn große Wasser über unsere Seele gehen“, so wird er uns auch da ergreifen und uns „führen auf einen hohen Felsen“, gegen den die Flut nichts vermag, und auf dessen Höhen Licht, Freude und Wonne herrschen für und für. (Hermann Heinrich Grafe)
Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehest.
Brauchen wir Gaben zur Reise? Hier sind treffliche - Gottes Gegenwart und Bewahrung. An allen Orten bedürfen wir dieser beiden, und an allen Orten sollen wir sie haben, wenn wir gehen, weil die Pflicht uns ruft, und nicht bloß nach unsrer eignen Neigung. Warum sollten wir das Hinziehen nach einem andren Lande als eine traurige Notwendigkeit betrachten, wenn es uns von dem göttlichen Willen auferlegt wird? In allen Ländern ist der Gläubige gleichmäßig ein Pilger und ein Fremdling; und dennoch ist in jedem Lande der Herr „seine Belohnung“, wie Er es seinen Heiligen für und für gewesen ist. Wir mögen den Schutz eines irdischen Monarchen entbehren, aber wenn Gott sagt: „Ich will dich behüten“, so sind wir in keiner wirklichen Gefahr. Dies ist ein gesegneter Pass für einen Reisenden und ein himmlisches Geleit für einen Auswanderer.
Jakob hatte nie zuvor seines Vaters Dach verlassen: er war ein Muttersohn gewesen, und nicht ein Abenteurer wie sein Bruder. Doch ging er in die Ferne, und Gott ging mit ihm. Er hatte wenig Gepäck und keinen Begleiter; dennoch reiste kein Fürst je mit einer herrlicheren Leibwache. Selbst während er auf offenem Felde schlief, wachten Engel über ihm und Gott der Herr sprach zu ihm. Wenn der Herr uns gehen heißt, so lasst uns mit unsrem Herrn Jesu sprechen: „Stehet auf und lasst uns von hinnen gehen.“ (Charles Haddon Spurgeon)
Und siehe, ich bin mit dir, und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht lassen, bis dass ich tue alles, was ich dir geredet habe.
Der Schritt ins neue Jahr ist getan. Kaum haben wir gedacht, ein wenig ruhen zu können, so schlagen gleich die neuen Stunden, rufen zu neuen Aufgaben und erinnern an die alten Kämpfe und die bisher getragenen Lasten. Hier ist kein Stillestehen. Darum, mein Lieber, umgürte dich, nimm den Stab in die Hand und ziehe mutig weiter: der Weg muss betreten werden. Kommt er dir vor als ein mühsam zu erklimmender Bergpfad oder als ein verschlungener Waldweg oder als eine ermüdend gleichförmige Landstraße? oder breiten sich grüne Auen vor deinen Blicken aus? Mag es so oder anders sein, du ziehst eben vorwärts, ein Stillestehen ist nicht möglich.
Ein Geleitsmann ist dir gegeben, mit dem du es wohl wagen darfst. Zu Jakob spricht Gott: „Ich bin mit dir, und will dich behüten, wo du hinziehst.“ Uns verheißt er heute dasselbe; und wie er Jakob sein Versprechen gehalten hat, so werden auch wir seine Treue erfahren. Der alte Bundesgott ist in Jesu auf Erden erschienen, hat mehr denn dreißigmal den irdischen Jahreswechsel, wie wir, erlebt und weiß des Menschen Sorgen und Hoffnungen wohl. Wenn wir nicht wissen, in was für einzelne Gefahren und Fragen uns dieses Jahres Weg führen wird, so weiß doch er es und will mit uns sein, wo wir hinziehen. Wir dürfen also an jedem Tag und in jeder Lage ihn um frischen Mut und Leitung, um Kraft und Trost bitten. Wenn er den Weg weiß und wir uns von ihm führen lassen, so darf uns keinerlei Ungewissheit schrecken. Er verheißt zwar nicht, dass uns keine Last ausgelegt oder kein Kampf zugemutet werde, aber er will uns behüten, dass nichts zu schwer werde und wir den Weg nicht verfehlen. Darum waltet seine durchgrabene Hand über uns und ebnet die Bahn.
Jakob zog in die Fremde und Gottes Verheißung lautete: „Ich will dich wieder herbringen in dies Land.“ Unser Erbland ist nicht hienieden, es ist droben. Durch die Fremdlingschaft gehts dem Himmel zu. So fassen wir denn das Ziel der neubegonnenen Reise klar ins Auge und freuen uns des Geleitsmannes! Jesus geht mit. Vertrauen wir ihm ganz, dann fehlts uns nicht!
Herr Jesu, dein heiliger Name soll mir alles sein, schenke mir in ihm Kraft und Mut, Vertrauen und Hoffnung. Lass mich dir jeden Tag des neuen Jahres kindlich folgen und bring mich ins Land meines himmlischen Erbteils! Amen. (Rudolf Wenger)
Und siehe, ich bin mit dir, und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht lassen, bis dass ich tue alles, was ich dir geredet habe.
Wir hören dies Verheißungswort gerne noch einmal. Vielen ist die Nähe Gottes fühlbar und die Erfahrung seiner Obhut ganz klar, aber manche andere zweifeln eben daran. Umsonst, sagen sie, schaue ich mich nach diesem Führer um, seine Hilfe ist mir ferne; darum ist mir der weitere Gang zu schwer.
Zweifelnde Seele, merke auf das Wort: „und siehe.“ Das heißt: Tue die Augen recht auf, siehe dahin, wo etwas zu sehen ist; nicht in deine Schwachheit, nicht in des morgenden Tages Ungewissheit, nicht in der Menschen schwankende Treue - siehe auf Jesum, auf ihn zuerst, auf ihn allein. Seine Person verbürgt die Wahrheit der Worte. Haben die feindseligen Juden keinen Betrug in seinem Munde gefunden, so wirst auch du, wenn du recht schaust, gewiss sagen müssen: Sein Wort ist wahr. Ja, er wird mit dir sein und dich behüten, wo du hinziehst. Das Wörtlein „und“ knüpft die neue Verheißung an das Frühere an. Bisher war Gott Jakob schützend nahe gewesen, der Himmel war ihm geöffnet, und trotz seiner argen Versündigung gegen Vater und Bruder umschwebten Engel den einsamen Wanderer; „und“ so wirds noch fernerhin sein. Was uns für dieses Jahr verheißen, ist auch nur die Fortsetzung der bisherigen teuren Gnadenerfahrungen. Der Jahreswechsel bringt keine Änderung in Gottes Gesinnung. Immer treu und bewährt, wie vor alters, zeigt er sich dem Pilger hienieden. Wenn es dir darum vorkommt, als fehle dir jetzt seine Begleitung, so siehe ins vergangene Jahr, siehe in die alten Tage, und die früheren Erfahrungen werden dir das Auge öffnen für das, was aufs Neue geschehen wird.
Wenn du sagen musst, ich bin‘s nicht wert: mein vieles Missachten seiner Hilfe, mein mutloses Weggehen von seiner Seite nehmen mir jedes Recht auf sein Geleit, so hast du wahr gesprochen. Jakob hatte auch keinen Rechtsanspruch, aber etwas wertvolleres, eine Gnadenverheißung, darum die Versicherung: „Ich will dich nicht lassen, bis dass ich tue alles, was ich dir geredet habe.“ Sollte Gott so auch zu mir sprechen? Gewiss! Jede Gebetserhörung ist eine persönliche Rede Gottes an dich. Unsre Schwachheit ruft seine Liebe hervor, unsre Unwürdigkeit sein Erbarmen, unser Wankelmut seine Treue. Darum sprich:
Mein Gott, ob ich gleich ein misstrauisches Herz voller Schwachheit und Irrtum habe, so willst du dich in mir, dem Elenden, verherrlichen. Führe mich im neuen Wege wie vor alters und lehre mich immer mehr sehen, wie mächtig, liebend und treu du mir bist! Amen. (Rudolf Wenger)