1. Mose 22,6
Andachten
Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer, und legte es auf seinen Sohn Isaak; er aber nahm das Feuer und Messer in seine Hand, und gingen die beide miteinander.
Ein stiller, wundervoller Gang! Der Vater neben dem Sohn und der Sohn neben dem Vater; Isaak weiß nicht, was ihm bevorsteht, und Abraham muss ihn doch vorbereiten. Das ist ein schweres Amt, eine Todesbotschaft Jemandem beizubringen. Man muss nicht, sagt man, mit der Türe ins Haus fallen; nein, aber auch nicht, wie so manche Ärzte am Krankenbett, mit Lügen Jemanden in die Ewigkeit schicken. Wahrheit, die aus der Liebe kommt, aber Wahrheit verlangt Gott. Wir können sicher sein, jener ganze Gang Abrahams war ein Gebetsgang. Wenn wir für eine Seele, die uns teuer ist, recht seufzen können, so können auch in jener Seele wunderbare Gnadenbewegungen vorgehen. Die Schreckensbotschaft, die wir zu bringen haben, findet dann Den, welchen sie angeht, viel vorbereiteter, wenn nicht von außen, doch von innen. Der Mensch kann unendlich viel ertragen; Gottes Gnade hilft durch Alles hindurch. Wenn man Manchen, die eine schwere Lebensführung haben, vorausgesagt hätte, was ihnen bevorstände, sie hätten geglaubt: Da komme ich nicht hindurch, da breche ich zehnmal zusammen. Und siehe, die Wasser spalten sich auch heut noch; ist auch hier eine Tiefe und da eine Tiefe, der Engel des Herrn lagert sich um die her, so ihn fürchten, und hilft ihnen aus. Aus sechs Trübsalen wird er dich erretten, und in der siebenten soll dich kein Übel anrühren. Man sieht oft schwache Naturen, die man gar sehr schonen muss; wenn man solchen etwas beibringen soll, das zu sehr auf die Nerven schlägt, so meint man gleich: Der stirbt an solcher Alteration, und ich bin dann sein Mörder. Nur getrost, die Schwächsten sind oft die Stärksten und überleben oft lange die Starken. Isaak starb nicht am Schlagfluss, als er erfahren musste, wo es hinaus wollte mit ihm. Abraham spricht ihm auch nicht zu früh von dem Opfertod, den Isaak sterben soll. Man will oft weit ausholen, ehe man mit der Sache selber kommt, und macht dann nur ängstlicher, wenn man zu sonderbare und zu verdächtige Umwege nimmt. (Friedrich Lobstein)
Und es gingen die beiden mit einander.
Vielleicht ist dies der rührendste Zug in der rührenden Erzählung von Abrahams Opfer; nur ein kurzes Wort, und doch so anschaulich! Wir sehen sie dort neben einander den einsamen Bergpfad hinansteigen, den ehrwürdigen Vater, der noch nicht sagen kann, was doch alsbald gesagt werden muss; den vielversprechenden Sohn, gebückt unter dem Holze, dessen Bestimmung er nur zu bald vernehmen wird; ruhig, sinnend, meist schweigend - so gingen die beiden mit einander.
Wie viele sind früher und später nach ihnen den steilen Berg des Glaubensgehorsams hinaufgestiegen, um ein Opfer zu bringen, dessen ganze Schwere Gott allein verstand! Also gingen die beiden mit einander, die Eltern mit dem unaussprechlich teuren Pfande, welches sie jedoch dem Herrn abtreten mussten; die Wanderer auf einem Wege, die einander die Hand zum Abschied reichen mussten, auf den hier kein Wiedersehen folgen sollte; die Betrübten und Geprüften, jetzt noch bei einander, aber um alsbald einsam voneinander zu gehen. O, welche Menge stiller Schmerzen, die wir selbst vor den liebsten Augen verbergen; welche Fülle schwerer Schritte, die doch getan werden mussten, - sind nicht immer unausgesprochene Seufzer die bängsten gewesen? Aber du Wanderer auf dem Moriapfade, wisse wohl: Auch auf solchen Wegen ist ein Dritter unsichtbar nahe, um zu stützen, zu lindern, zu leiten; und wenn endlich der schwere, schwere Gang vollbracht ist, wenn die Höhe, zu welcher du zagend emporblicktest, erreicht ist, dann erfährst auch du, dass die Not doch nicht größer ist als der Helfer. Auch du siehst bald den Himmel offen, und hinter der zerrissenen Wolke hervor strahlt dir das Licht der göttlichen Herrlichkeit entgegen. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Der Gott von Moria lebt noch, und Abrahamsopfer werden nie gebracht, ohne dass sie einen ewigen Segen für Priester und Opfer zurücklassen.
„Drum trage du und frage nicht,
Drum wage du und zage nicht.“ (Oosterzee, Johannes Jacobus van)