Ihr Lieben, hat uns Gott also geliebt, so sollen wir uns auch unter einander lieben.
Worin liegt denn für uns der bleibende Wert der vergänglichen Gaben, deren das Fest uns eine so reiche Fülle bescherte? Doch zunächst in dem dankbaren Bewusstsein der Liebe, die sie uns darbot! Vor Allem ist es freilich wieder unseres Gottes Liebe gewesen, die wir auch in diesen Gaben aufs Neue erfahren durften; denn Du, Herr, hast ja alle die treuen Herzen, denen wir schon so viel Liebe zu danken haben, uns auf unseren Lebensweg mitgegeben; Dir, o Gott, danken wir den ehrwürdigen Vater, die zärtliche Mutter; Du gabst mir den Gatten, der mich bis jetzt so sicher geführt hat; und die Gattin, deren Liebe der Schmuck und die Krone meines Lebens ward, Du hast sie mir an das Herz gelegt. Dir danken wir die lieben Kinder, die Geschwister und Angehörigen, Dir alle die treuen Freunde, die sich so oft schon in der Not bewährt haben! Sie Alle haben gesonnen, wie sie uns durch ihre Liebe das Fest zu schmücken vermöchten, und Mancher, an den wir gar nicht dachten, weil er dem Kreise unseres Hauses nicht angehörte, hat doch in diesen Tagen unsrer in Liebe gedacht, und sich ein bleibendes Anrecht auf unsere Gegenliebe erworben. Und so wollen wir denn heute noch einmal an unseren Weihnachtstisch hintreten, und bei jeder einzelnen Gabe wollen wir dessen gedenken, der sie uns spendete, und wollen's uns geloben, dass wir fortan Liebe mit Liebe treuer lohnen wollen; Vater und Mutter sollen's an unserem willigen, freudigen Gehorsam inne werden, dass sie ein dankbares Kind haben; mit den Geschwistern wollen wir verträglicher leben, und bemüht sein, ihnen in Liebe zu dienen. Und wir beide, Gatte und Gattin, die wir nun schon so manches Jahr zusammen gepilgert sind, und Lust und Leid mit einander geteilt haben, wir wollen uns aufs Neue die Hand reichen, und uns geloben, dass fortan Nichts, gar Nichts wieder zwischen uns treten soll; und wo einmal ein Missverständnis obwaltet, da wollen wir jedes bei dem Andern den besten Sinn voraussehen, und nicht ruhen und rasten, bis wir wieder auf Einen Sinn gekommen sind, und der Friede wieder unter uns waltet. Und dass wir unseren Kindern rechte Wegweiser werden können zum ewigen Leben, wollen wir selber dem rechten Wege immer aufs Neue nachfragen, und darnach trachten, dass wir ihnen auch in den kleinsten Dingen mit dem guten Beispiel vorangehen. - Wir haben so viele Liebe in diesen Tagen empfangen; wir wollen sie fortan auch an denen beweisen, die uns beschwerlich wurden durch ihre Sünden, oder die wir als unsere Widersacher anzusehen gewohnt waren. Die rechte Liebe ist ja geduldig, und in Geduld wollen wir auch die Schwächen derer tragen, die uns nicht angenehm sind, die aber Gott uns so nahe stellte, um uns durch sie Geduld zu lehren; und wenn es uns schwer werden will, ihnen gegenüber den freundlichen Sinn zu bewahren, so wollen wir uns daran erinnern, wie viel Gott der Herr an uns tagtäglich zu tragen hat, und doch nimmer müde wird, uns immer wieder aufs Neue Seine Liebe zu erweisen. Und so wollen wir auch in keinem Menschen unseren Widersacher erkennen; das Gefühl der Abneigung, der inneren Unlust, die uns bisher erfüllte, wenn er uns nahe trat: wir wollen es überwinden; und wenn er uns zürnet, so wollen wir's ihm durch die Tat zu beweisen suchen, dass wir ihn lieb haben und es treu und aufrichtig mit ihm meinen. Das alte Jahr eilt zu Ende; Jeder ordnet seinen Haushalt, und sucht seine Schulden abzutragen, dass keine drückende Verpflichtung ihm in neue Jahr hinüberfolge; aber in Bezug auf die Liebe bleiben wir immerdar in der Schuld, und wenn wir alle Tage lieben vom Morgen bis zum Abend, so bleiben wir immer Liebe schuldig. Aber wie Geben seliger ist, denn Nehmen, und wie man immer reicher wird, je länger man an seinen Schulden abträgt, so lass uns, o Herr, auch in dem neuen Jahre den Reichtum der Liebe erfahren, die im Geben empfängt, und indem sie segnet, selber aus Deiner Liebesfülle reichlicher gesegnet wird! (Julius Müllensiefen)
Gott fordert nicht Gefühl, sondern Gerechtigkeit. Die Bibel weiß nichts von „religiösen Gefühlen und Bewegungen“, von denen man heutzutage so viel spricht. Die Bibel spricht von Pflicht. „Meine Lieben, wenn uns Gott also liebt, sollten wir einander auch lieben“.(Charles Kingsley)