„Herr was willst Du, dass ich tun soll.“
Da sagte St. Paulus, als er auf wunderbare Weise zu Boden geworfen und durch die Gnade des Heilands, den er verfolgte, bekehrt ward. Ach wie sehr haben auch wir Ihn verfolgt durch unsere Untreue, durch unsere Launen, durch unsere Leidenschaften, welche Seine Barmherzigkeit an unserem Herzen gestört haben! Endlich hat Er uns niedergeworfen durch Drangsal, hat unsern Stolz zunichte und unsere fleischliche Klugheit zu Schanden gemacht; Er hat unsere Eigenliebe erschüttert. Lasst uns darum mit völliger Unterwerfung sprechen: „Herr, was willst Du, dass ich tun soll?“ Bis jetzt hatte ich mich Dir nur unvollkommen zugewandt, ich hatte tausenderlei Verzögerungen angewandt und versucht, noch alles mir nur Mögliche zu retten, mich zu bewahren aus dem inneren Zusammenbruch, den meine Bekehrung bedingte. Aber jetzt bin ich zu allem bereit und Du sollst der uns umschränkte Herr meines Herzens und meines Wandels sein.
Es genügt indes nicht, dass die Hingabe eine allgemeine sei; das würde nichts nützen, wenn sie mit solcher Allgemeinheit und Unsicherheit sich begnügte, ohne ins Kleine zu gehen und zur Tat sich herabzulassen. Der heilige Augustin sagt: Nur zu lange schleppen wir mit uns einen unbestimmten und für das Gute von Sehnsucht erfüllten Willen. Der Wille vollkommen zu werden, kostet nichts. Denn die Vervollkommnung erheischt die Tat. Sie muss uns über alle zeitlichen Dinge gehen, die uns am teuersten sind und die wir mit dem lebhaftesten Eifer verfolgt; und man darf nicht etwa weniger für Gott tun wollen, als man für die Welt tut. Erforschen wir unser Herz. Bin ich fest entschlossen, Gott meine festesten Freundschaften, meine eingewurzeltsten Gewohnheiten, meine vorherrschendsten Neigungen, meine angenehmsten Vergnügungen zum Opfer zu bringen? (François Fénelon)
**Saul sprach mit Zittern und Zagen: Herr, was willst du, dass ich tun soll? Der Herr sprach zu ihm: Stehe auf, und gehe in die Stadt, da wird man dir sagen, was du tun sollst. **
Bibbernd und zagend fragt der zu Boden geschmetterte Saul den Herrn Jesum und empfängt die Weisung, nach der Stadt zu gehen, da ihm gesagt werde, was er tun solle. Kaum konnte er sich erheben, denn er war blind und bedurfte der Führung durch seine Gefährten. Wer hätte an ein solches Einziehen in Damaskus gedacht!
Ist das nicht ein Bild des neu erwachenden inneren Lebens, da der Mensch, von seiner natürlichen Höhe niedergeworfen, das Steuerruder seines Lebensschiffleins abgegeben und in die Hand Gottes gelegt hat. „Man wird dir sagen, was du tun sollst.“ Darin liegt keine Erniedrigung, sondern eine Befreiung von der Knechtschaft des sündigen Eigenwillens. Die Unterordnung unter Gott ist die wahre Freiheit, und Saulus ist auf dem Wege dazu, denn der Sohn macht ihn frei. Was soll er tun in der Stadt? Das erste ist: stille sein. Dazu sollen ihm die drei Tage verhelfen, während denen er weder sah, noch aß, noch trank. Es war kein träges Nichtstun, sondern eine Zeit des Insichgehens, zum Erkennen, wie die Tatsache, dass Jesus lebt, sein bisheriges Denken und Tun zuschanden mache und seinem Leben eine neue Richtung gebe. Da wurden seine Gedanken zu Gebeten. Buße und Bitte stieg heiß empor, bis er sich der Gnade freuen lernte. Also wird durch den Strahl göttlichen Lichtes das Auge eines Wiedergebornen von der Außenwelt ab auf die Innenwelt und aufs vergangene Leben gerichtet. Überall erkennt er, dass ihm Weisheit mangelt, dass er wider Gott gestritten hat und auf falschem Wege gewesen war. Da kommt eine Zeit der Grablegung für den natürlichen Menschen, wo alte Freuden und manche der alten Freunde daran gegeben werden; dazu braucht es Stille. Stille zu ähnlicher Selbstprüfung hat auch ein geförderter Christ nötig. Die Arbeiten, die Sorgen und die eilende Welt um ihn bringt ihm Unruhe genug; darum schließe er an den Sonntagen sein Auge für das Zerstreuende; darum benutze er Krankheitszeiten, dass er ruhig werde, wie Maria zu Jesu Füßen.
Das zweite, was Saul tun soll, ist Wirken. Unter Ananias Mithilfe wurde er sehend, hielt sich zu den Jüngern und bewies durch Bekenntnis und Liebe die große Veränderung, die der Herr an ihm getan hatte. „Ich glaube, darum rede ich.“ Das übt er vor Freund und Feind, in den ersten Zeiten in Damaskus und bis an sein Lebensende. Bloßer Genuss der Gnade ist auch für uns nicht genug. Das Stillesein muss zum Wirken führen, zum Wandel in der Heiligung, zur Tat der Liebe und zum Bekenntnis des Glaubens. Der Maria Sinn muss mit Marthas Eifer ergänzt werden. Keinem von uns ist zwar ein solches Feld der Tätigkeit eröffnet, wie dem Paulus, aber jeder hat eine Aufgabe, und in dem Maß, als er sich vertieft durch Fasten und Beten und Stillesein, wird sein Wirken fruchtbarer in kleinerem oder in größerem Kreis.
Lieber Heiland, offenbare dich an uns also mächtig, wie an deinem Feinde und nachherigem treuen Mitarbeiter, Paulus. Wir stellen unser Leben in deine Leitung; sage uns durch dein Wort, was wir tun sollen. Brich unsern Eigenwillen, gib uns die Stille zum Gebet und die Liebe zum Wirken für dich! Amen. (Rudolf Wenger)