O hätte ich Flügel wie Tauben, dass ich flöge und etwa bliebe!
In großen Leibesnöten, in Hungers-, Kriegs- und Sterbens-Not ist die Flucht wohl erlaubt, sonderlich den Personen, die nicht in Ämtern sind; denn wie man einem Ungewitter entfliehen kann, also kann man auch einer solchen leiblichen Rute und Landstrafe entfliehen, gleich wie man einem Feuer entlaufen kann. Wenn man aber fliehen will, sollte man erst zusehen, dass man zu Gott und zu Seiner Gnade und Barmherzigkeit fliehe durch wahre Buße, Gebet und Glauben, sonst wird das leibliche Fliehen nicht viel helfen. In großen Verfolgungen sind viele Christen geflohen in die Wildnis und wunderbar von Gott erhalten worden, wie die Kirchen-Historien bezeugen, und Offenb. 12, 14 werden dem Weibe, welches der große Drache mit seinem Kindlein fressen wollte, Adlersflügel gegeben, dass sie in die Wüste flöhe. Das ist ein Bild der Verfolgung der Kirche und ist so zu verstehen: Oft nimmt die Verfolgung des Antichrists so überhand, dass alle Winkel und Orte voll von falscher Lehre und Abgötterei sind, und dürfen die Rechtgläubigen sich nicht zeigen, sondern müssen sich heimlich verborgen halten, als wenn sie sich in eine Wüste versteckt hätten, da bedeckt sie dann der liebe Gott mit Seinen Adlersflügeln, nimmt sie in Seinen göttlichen Schirm, bis das Ungewitter und Sturmwind der Verfolgung überhin ist. (Johann Arnd)
O, hätte ich Flügel wie Tauben, dass ich flöge und etwa bliebe!
Verstehst auch du, mein Bruder, etwas von der Stimmung, in der einst der Dichter so singen konnte? Wenn nicht, vielleicht umso besser für dich; aber du kannst überzeugt sein, andre kennen sie nur allzu gut, und, hinge es von ihnen ab, sie würden es bei diesem Wunsche nicht bewenden lassen. Begreiflich ist ja auch dieser Wunsch, zumal in unruhigen und trostlosen Zeiten des Lebens. So war es bei unserem Dichter in einer Umgebung, der - wenigstens nach diesem Psalm zu urteilen - fast jede lichtere Seite fehlte. Er hat ja wohl seinen Gott, aber es scheint doch so, als hätte Gott sein Ohr ganz abgewandt von seiner flehenden Stimme, und als hätte er auch gar keinen Menschen in seiner Umgebung, vor dem er sein übervolles Herz einmal ausschütten könnte. Überall Feinde, oder fälschlich sogenannte Freunde, die im Grunde nicht besser sind als Feinde; er lebt das Leben heißen kann wie in einem giftigen Dunstkreise; es ist wirklich nicht länger auszuhalten. Fort, fort, um jeden Preis weg von hier! Überall wird's besser und erträglicher sein, als hier. Vom Paradiese träumt er nicht mehr; wäre er nur in der Wüste! Fände er dort auch keine Genüsse, so könnte er doch Ruhe daselbst finden. Ach, dass doch jemand ihm Taubenflügel gäbe! Sein Königreich, wenn's sein müsste, für ein Paar Flügel und für ein klein wenig freie Luft!
Noch einmal: war David der Einzige, den solches Verlangen beseelte? Oder kennst du, vielleicht ganz genau, einen Menschen, dem solch' eine ich darf nicht sagen heilige - Ungeduld ganz fremd blieb? Einen Menschen, meine ich, der ein offenes Auge hat für all die Armut, das Elend, die Unausstehlichkeit - das Wort ist nicht zu stark - seiner ruhelosen, freudlosen Gegenwart? Eine Vogelnatur, wenn du willst, (lächle nicht bei einem Worte, das nicht ohne Tränen gebildet ist) die so oft seufzt nach Licht und Luft, ohne beides zu finden, die schon hundertmal vergeblich die müden Flügel an den vergoldeten Stäben des engen Käfigs lahm geschlagen hat, der sie so lange gefangen hielt? Er sagt nicht einmal mehr: Ach, dass mir jemand Flügel gäbe! - aber was fühlt er oft im Stillen, wenn er die Erwartungen, die er vom Leben gehabt hat, mit der nackten, rauen Wirklichkeit vergleicht! Ach, der Ort, wo er leben, oder besser gesagt, sein Dasein fristen muss, ist auch wie ohne Licht und Luft! So ist es schon so lange gewesen, und er kann sich wohl denken, dass es so auch noch lange, vielleicht gar immer bleiben wird. Wäre doch nur irgendwo - wenn's denn auch in der Wüste wäre - ein Plätzchen, wo er wirklich er selbst sein, wo er freudigen Herzens des Herrn sein könnte, ohne immerfort zu sehen, was ihn quält und martert, ohne immerfort tun zu müssen, was ihn innerlich tötet!
Und doch, was würde es helfen, mein ruheloser Bruder, meine Schwester, wenn auch dieser ungestüme Wunsch erhört würde? Gib dem Dichter Taubenflügel: er wird dahinfliegen, aber wird er auch wirklich glücklicher sein? Wohin er kommt, bringt er das zitternde und trostlose Taubenherz mit, und was er findet, ist doch immer nur eine Wüste, allerhöchstens mit einer Oase, die aber auch in keinem Falle unvergänglich blüht. Vielleicht wäre ihm auch hier der Aufenthalt alsbald unerträglich; was er verlässt, das lernt er vielleicht jetzt erst seinem vollen Werte nach schätzen - und wenn denn nun obendrein die schüchterne Taube unter fremde Raubvögel fiele? - Wozu mehr? Mancher von uns würde kaum härter gestraft werden können, als durch die Erfüllung von unverstandenen, wenn auch natürlichen Wünschen. Er, der uns die Flucht in die Wüste verwehrt, hat ganz gewiss etwas Besseres für uns ersehen. Nein, wenn es uns in erdrückender Luft wirklich um Flügel zu tun ist, dann lieber um Adlerflügel gebetet: „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“ Nicht in die Wüste, sondern nach Kanaan; nicht die Ruhe in weiter Ferne suchen, sondern sie in jeder Umgebung finden, weil sie doch am Ende nicht mehr von unserer Umgebung abhängig ist, sondern in unserem Innern für immer ihren Sitz haben muss - das ist die Weisheit, die Größe, die irdische Glückseligkeit der echten Kinder Gottes.
Doch ehe es wirklich so weit kommt, wird ganz gewiss noch vieles anders werden müssen, nicht zuerst um uns, sondern in uns.(Oosterzee, Johannes Jacobus van)