Und ich will lassen überbleiben sieben Tausend in Israel, nämlich alle Knie, die sich nicht gebeugt haben vor Baal, und allen Mund, der ihn nicht geküsst hat.
Die siebentausend Getreuen in Israel, die ersten Stillen im Lande gewissermaßen, von denen die Geschichte redet, verdienen wohl, beständig in Ehren gehalten und auch von uns in einer Zeit, wo Abfall und Unglaube in solchem Maße herrschen, mit Ehrerbietung betrachtet zu werden. Gibt's ja auch leider unendlich viel mehr Böses in der Welt, als die meisten glauben wollen: hier steht, uns zum bleibenden Troste geschrieben, dass auf ihr doch auch noch immer mehr Gutes zu finden ist, als selbst die Besten vermuten; und wie in einem hellen Spiegel wird uns in diesem Gottesworte das Bild und das Heil der aufrichtigen Gottesfurcht in böser Zeit nach dem Leben vor Augen gestellt.
Aufrichtige Gottesfurcht ist - das zeigt sich hier gleich recht deutlich - eine Macht im Leben, welche sich nicht in Worten, sondern in Kraft offenbart. Wo war je eine so starke Versuchung, als die in Eliä Zeit zum Dienste des Baal? Das Königshaus geht voran, die Mehrzahl des Volkes folgt nach: die Sinnlichkeit reizt, die Selbstsucht erhebt ihre mächtige Stimme. - Doch gibt's noch immer solche, die zurückbleiben, wo die Posaunen das verderbte Israel zu abgöttischer Festesfeier rufen; immer noch solche, die den Mut haben, nein zu sagen, sagen auch alle Ahabs und Isebels ja; immer noch solche, die sich standhaft weigern, das Götzenbild zu küssen und vor ihm die Knie zu beugen, und wenn's ihnen auch das Leben kosten sollte. Charaktervolle Männer, glaubensstarke Frauen, an sich selbst vielleicht ängstliche Naturen wie Obadja, aber in diesem Stück fest entschlossen, keinen Zoll, ja um keines Haares Breite nachzugeben: ein Überbleibsel nach der Wahl der Gnade; wie Paulus sie nennt (Röm. 11, 5). Siehe da, aufrichtige Gottesfurcht selbst in den trübsten und dunkelsten Tagen. Aber, achte wohl darauf, nicht in Juda finden wir sie, sondern in dem viel tiefer gesunkenen Israel, und ebenso in den Zeiten mannigfacher Verirrung, Auflösung und Verfolgung auch der späteren Gottesgemeinde. Lebendig war sie im dunklen Mittelalter in den Tälern der Albigenser und Waldenser, lebendig in der Zeit des Abfalls im vorigen Jahrhundert in den Herzen und in den Kreisen eines Lavater, eines Stilling, eines Tersteegen und so vieler andern, deren die Welt nicht wert war. Lebendig auch in unsrer Zeit - wenn auch grade nicht da, wo wir sie am ersten suchen und erwarten sollten. Denn noch immer ist ja die wahre Gottesfurcht vor den Augen der Menschen verborgen. Hatte nicht Elias selbst das Vorhandensein und die Bedeutung dieser sieben Tausend vergessen oder verkannt, sodass er, der hochgestellte Prophet des Herrn, durch eine besondere Offenbarung noch auf sie hingewiesen werden musste? So sehen ja auch wir nur allzu leicht hinweg über das, was nicht sofort ins Auge fällt, oder suchen in weiter Ferne, was wir viel näher als wir denken, ja in unsrer eignen Umgebung finden können. Wir denken, das Gute sei vorzugsweise bei den hoch aufgeschossenen Eichen im Garten des Herrn zu finden und übersehen das niedrige Heideblümchen, das in stiller Einfalt zu unsern Füßen blüht. Wir suchen es bei den Säulen des Tempels Gottes, derweil vielleicht ein vergessener Türhüter bei Gott unendlich viel höher angeschrieben steht. Uns ist ja die Gabe, die Menschen nach ihrem wahren Werte abzuwägen und zu schätzen versagt; aber versuchen wir's trotzdem einmal, so ist's gewiss, an dem, was bei den Menschen am wenigsten angesehen ist, gehen wir zu allererst, vielleicht unwillkürlich, vorüber. Ein Unterschied in der Kleidung, in Namen und Stand und Aussehen führt zu tausendfacher Verkennung; und die siebentausend Getreuen sind sicherlich fast eben so viel Verkannte gewesen.
Genug, dass trotz- und alledem aufrichtige Gottesfurcht Gott dem Herrn immer noch wohlbekannt ist und unter seinem besonderen Schutze steht. Gott sieht eine Schar von siebentausend Getreuen, wo Elias in seiner krankhaften Einbildung auf der verlassenen Wahlstatt nur einen einzigen ermattenden Streiter erblickt. Er sieht fromme Elisas pflügen, während dort hinten die Baalspriester Weihrauch opfern, und hört arme Witwen beten, derweil anderwärts stolze Isebels lästern. Was Wunder auch, da Er, der sie kennt und schätzt, sie selbst hat übrig bleiben lassen? Arme sieben Tausend, wenn eure erprobte Treue keine kräftigere und höhere Stütze gekannt hätte, als eigene Weisheit und Kraft! Aber Er, der euch berief, blieb getreu; er ließ euch nicht versuchen über Vermögen und stärkte beständig, was seine eigene Hand geschaffen hatte.
Aber so musste es denn wohl, auch in diesem Falle, offenbar werden: aufrichtige Gottesfurcht ist auch für andre ein unschätzbarer Segen. Wer von den sieben Tausend hätte sich's auch nur träumen lassen, dass er auch nur ein Geringes wiegen würde in Gottes Waagschale, und dass der Hinweis auf das Vorhandensein eines so geringen und schwachen Menschenkindes, wie er oder sie, nur irgendwelche Bedeutung haben könnte für den großen Propheten der Wüste? Und doch war's so, und es ist auch so geblieben bis auf den heutigen Tag. Die sieben Tausend sind und bleiben in jeder Umgebung das Zeichen und Unterpfand, dass die Pforten der Hölle die Gemeinde der Auserwählten nicht verschlingen sollen. Sie sind und bleiben das Licht einer dunklen Welt, das Salz einer erniedrigten Kirche, das Bindemittel einer in der Auflösung begriffenen Gesellschaft, und für manches ermattende Eliasherz der Anker einer unerschütterlichen Hoffnung. Die hundert Baalspriester mit ihren hunderttausend Nachfolgern vergehen; die sieben Tausend und die mit ihnen gehen, bleiben, überwinden und ererben das Erdreich; und wo sie im Tode dahingehen, da leben sie fort in andern, in ihrem Werke, im Gottesreiche, bis endlich der letzte der Getreuen aus der streitenden Kirche in die triumphierende hinübergegangen ist.
O du Kind der Welt, das du so hoch gestellt bist, was hilft es dir, wenn du nicht, nicht einmal im fernsten Grade verwandt bist mit dem geistlichen Adel der siebentausend Getreuen? Und du vergessener, missachteter Diener des Herrn, was schadet es dir, dass du dein Brot mit Tränen essen musst, wenn nur von dir das Zeugnis abgelegt werden kann: bei den Menschen zwar gering geachtet, aber wert gehalten bei Gott? Es ist eine Unwahrheit, was einmal der spottende Unglaube sagte: Gott stelle sich immer auf die Seite der augenblicklichen Mehrzahl. Von Ewigkeit zu Ewigkeit bleibt er auf der Seite der Standhaften und Getreuen. (Oosterzee, Johannes Jacobus van)