1. Könige 19,14

Andachten

Ich bin allein übrig geblieben.
Allein zu sein ist sicherlich an und für sich gar kein Unglück; hat doch jemand irgendwo sogar die Einsamkeit das Element großer Geister genannt. Gar mancher weiß ohne Zweifel von lieblichen stillen Stunden zu erzählen, die er im Verborgenen zugebracht hat. Jedoch, allein sein und allein übrig geblieben sein, das ist ein unermesslicher Unterschied, und man hört letztere Klage selten, ohne dass sich unwillkürlich mit einem Gefühle der Wehmut eine gewisse Bitterkeit paart. Auch große und starke Geister haben oft weiche Herzen, und je und dann kommen Augenblicke, wo auch der Mutigste in der Rennbahn niedersinkt, weil er sich nicht mehr durch das Mitgefühl und die Gemeinschaft eines andern gestärkt und getragen fühlt.

So ist es hier mit Elias, der innerlich gebeugt und gebrochen seinen letzten Gefährten wegsandte und nun allein in der Wüste umherirrt. Dass er nicht mehr fern ist von dem Ende seiner Laufbahn, kümmert ihn wenig, aber diesem Ende nahe zu sein in der Weise wie er es ist, enttäuscht, unverstanden, ohnmächtig! - Wie ist doch alles so ganz anders gekommen, als er gehofft und erwartet hatte! Es ist jetzt alles noch viel schlimmer als damals, wo er den Kampf begann: dieser fiel ab, jener leistete nicht, was er hatte erwarten lassen, und Gott selbst scheint ein gleichgültiges Schweigen zu beobachten nein doch, er spricht ja zu seinem Diener wie im sanften Säuseln, aber um ihn noch einmal zu fragen: Was machst du hier, Elia?

Du denkst nicht daran, dich auf einen Standpunkt zu stellen mit dem Propheten in der Wüste; und doch, sind seine Gefühle, sind seine Erfahrungen dir gänzlich unbekannt? Es sind gewiss diejenigen von mehr als einem zwar treuen, aber entmutigten Diener des Herrn in dieser ermattenden Zeit. Sogar ein Apostel des Unglaubens klagte vor einigen Jahren, dass sein Buch ein Vierteljahrhundert lang seinen Weg recht einsam gemacht habe. Aber was ist das gegen die Erfahrung so manches Christen, der den Mut behielt zu fragen - nicht nach dem, was die Menschen wollen, sondern danach, was der Herr von ihm verlangt! Mit den heiligsten Überzeugungen steht man heutzutage oft allein, sogar im geselligen Freundeskreise; man schöpft, um über Wasser zu bleiben, rastlos, aber auf einem Schiffe, das merkbar im Sinken begriffen ist; nicht wenige treten zurück, und tönt's leise in deinem Innern - soll ich nicht auch hingehen? „Ich bin allein übrig geblieben.“ Erkennt dieser oder jener von euch sein Bild, meine Brüder und Schwestern? So lasst euch wenigstens dies gesagt sein: dein Gefühl ist die natürliche Folge davon, dass du höher stehst und strebst als die andern. Tausende von Insekten tanzen sorglos in dem Lichte eines einzigen Sonnenstrahls, aber nur der Adler steigt vom hohen Felsgesteine kühn der Sonne entgegen. Ganz verlassen bist du nie, so lange du noch einen Gott der Verlassenen kennst. Ja auch dann sogar, wenn der letzte hingegangen ist, ist deine Verlassenheit noch nicht vollkommen, deine Einsamkeit nicht so tief als du dachtest. Elias kennt sie nicht, die siebentausend Getreuen in Israel, aber umso besser kennen sie ihn und halten im Stillen ihren Blick hoffnungsvoll auf ihn gerichtet, und darum - nicht mehr in die Wüste, aber wieder hinein ins freudenlose Leben! Gott hat noch was für dich; vielleicht ist's etwas, das du genießen, wahrscheinlicher aber etwas, das du tragen, ganz gewiss aber ist's etwas, was du tun oder worum du streiten sollst. Nur dieses merke dir: Sei williger als Elias, der wohl das gekränkte „Ich“ vernehmen ließ, und von einem trostlosen „sie“ zu sprechen wusste, aber das „du“ des Glaubens und der Hoffnung auf seinen Gott hier vergaß. Elias kannte noch nicht den, der das große Wort sprach: Ich bin nicht allein, sondern der Vater ist mit mir. Du kennst ihn; so zeige denn, dass seine Herrlichkeit nicht vergeblich an dir vorübergegangen ist!

Dennoch bleib ich stets an dir,
Wenn mir alles gleich zuwider;
Keine Trübsal drückt in mir
Die gefasste Hoffnung nieder,
Dass, wenn alles bricht und fällt,
Dennoch deine Hand mich hält. (Oosterzee, Johannes Jacobus van)

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